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Inhaltsverzeichnis:
1. (0000)
2. Auf Beutejagd (2002)
3. Die Stereo-Verseuchung (2002)
4. Der Ohrenmensch (2003)
5. Herbe Litschi-Kanten (2003)
6. Ministeriale Hör-Arbeit (2003)
7. Schöner hören (2003)
8. Das sentimentalische Hören (2004)
9. Das kannibalische Hören (2004)
10. Das Unter-Wasser-Hören (2004)
11. Das therapeutische Hören (2004)
12. Embryo-Träume (2005)
13. Mars macht mobil (2005)
14. Herr Schall (2005)
15. Hören darf nicht stören (2005)
16. Avantgarde entdecken (2006)
17. Die Grammatik des Buchhörens (2006)
18. Schlafen mit Musik (2007)

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Vom Hören (8)

Die Oper entstand aus dem Versuch, das antike Drama neu zu beleben: seine anti-naturalistische Größe, seine übermenschlichen Leiden, die reinigende Kraft von Furcht und Mitleid und Verstrickung. Doch in den Händen mittelmäßiger Opern-Librettisten und sorgloser Libretto-Verwurster schrumpfte die konsequente Ausweglosigkeit griechischer Tragödien zu einem Knäuel trivialer Verworrenheiten und logischer Widersprüche – genannt Opernhandlung. Von den hehren Anfängen blieb nur das Pathos übrig: Die Oper schreitet noch wie auf Kothurnen, singt wie durch grelle Masken, pflegt ihre narzisstische Exaltiertheit. Doch weil kein Dionysos mehr zu opfern ist, platzen auf der Bühne ersatzweise Ballonfiguren, vollgepumpt mit Pomp, Make-up und Vibrato.

Das kannibalische Hören

"Ich habe einen Riesenschnauzer, wenn ne Oper im Fernsehen is, dann hält der immer den Kopf schief..." (Loriot, An der Opernkasse).

Der brave Kannibale muss sein Opfer zum Monstrum machen, damit er ein Recht hat, es zu töten. Danach frisst er sich an ihm satt und eignet sich damit seine monströsen Kräfte an. Er büßt für seinen Mord, indem er das Monstrum in sich selbst weiterleben lässt. Jede Opernfigur ist ein solches Monstrum, das man fressen muss. Ihre Stimme, ein Produkt dressierter Künstlichkeit und immer am Rande des organischen Ruins, hat die Virtuosität des Keuchens entwickelt und die Hysterie des entmenschten Gellens kultiviert. Ihr Bühnengehabe ist die des Elite-Freaks, der sich schauerlich entblößt in seiner psychosexuellen Dauerkrise. Ihre Verstrickungen sind die eines Kasperlpuppen-Irrenhauses. Was für ein abgrundtiefes Leiden! Was für unsägliche Tode! Was für ein dämonisches Geheul! Schmerz ist hier nie still, Sterben nie kläglich, Freude nie genügsam. Die Opernbühne ist der Ort, wo die lächerlichsten Dämonenrituale der Geschichte zelebriert werden.

Seltsamerweise findet das gesittete Publikum solche Freak-Shows überhaupt nicht peinlich – weder das dressierte Gekreische noch das exzessive Getue noch die schwerfällige Silviaroman-Handlung. Im Gegenteil: Genau dieses Ritual gilt als Hochkultur. Der Talmi-Glanz des 19. Jahrhunderts mit dem blutig zuckenden Vibrato geschminkter Trivialität wird millionenschwer subventioniert. Wenn die Opernfans in die Opernhäuser strömen, sehen sie scheinbar noch aus wie richtige Menschen. Aber sie sind keine: Sie interessieren sich gar nicht für Musik und ein Opernbesuch ist für sie wie ein Abend in einem teuren Restaurant. Wenn sie wieder herauskommen, fühlen sie sich, als hätte jeder von ihnen fünf Kilo Eiscreme gegessen. Doch etwas anderes liegt ihnen schwer im Magen: Sie haben die Bühnenmonstren verspeist. Sie haben sich an deren Leiden und Koloraturen gemästet. Sie haben deren Tod geschlemmt und sich mit deren Kräften aufgeladen. Sie haben rot glühende Gesichter und feuchte Hände. Monsterblut pocht in den Adern der Kannibalen. Es ist das letzte dunkle Mysterium der Neuzeit.

Im ordinären Amerika hat es die Oper schwer. Dort schätzt man an Sängern Natürlichkeit, an Schauspielern Coolness und an Handlungen Realitätsnähe. Dort gibt es den Broadway, Hollywood und Metro-Goldwyn-Mayer. Nicht alles ist schlecht an Amerika.

© 2004, 2008 Hans-Jürgen Schaal

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