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Inhaltsverzeichnis:
1. (0000)
2. Auf Beutejagd (2002)
3. Die Stereo-Verseuchung (2002)
4. Der Ohrenmensch (2003)
5. Herbe Litschi-Kanten (2003)
6. Ministeriale Hör-Arbeit (2003)
7. Schöner hören (2003)
8. Das sentimentalische Hören (2004)
9. Das kannibalische Hören (2004)
10. Das Unter-Wasser-Hören (2004)
11. Das therapeutische Hören (2004)
12. Embryo-Träume (2005)
13. Mars macht mobil (2005)
14. Herr Schall (2005)
15. Hören darf nicht stören (2005)
16. Avantgarde entdecken (2006)
17. Die Grammatik des Buchhörens (2006)
18. Schlafen mit Musik (2007)

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Vom Hören (13)

Wenn wir hören, hören wir Schall. Und mit Schall habe ich ein Problem: Das liegt an meinem Nachnamen. Schon im Physikunterricht der 8. Klasse habe ich mich immer verschrieben, wenn der Schall vorkam. Schallgeschwindigkeit, Schallmauer, Schallwellen. Auch jetzt, während ich diese Wörter hinschreibe, vertippe ich mich ständig. Und so, wie ich ein Problem mit Schall habe, haben andere Leute eines mit mir – ich meine: mit meinem Nachnamen. Ich kann ihn noch so oft buchstabieren – „zwei A, ein L“ –, die Briefe und E-Mails beginnen dann doch wieder mit „Lieber Herr Schall“. Ein Freund hat mich deshalb sogar mal als den Erfinder der Schallplatte vorgestellt. Das hat mir dann doch gefallen.

Herr Schall

Der Gag an der Sache ist: In der Verwechslung von Schall und Schaal steckt eine tiefere, etymologische Wahrheit. Geben Sie mal „schaal“ bei Google in der Kategorie „Bilder“ ein. Was bekommen Sie? Ein hübsches Sortiment an kunstvollen flachen Gefäßen. Das holländische „schaal“ bedeutet nämlich Schale. Aus dieser Wortwurzel kommen die Schulter, die Scholle, der Schellfisch, die Schüssel, die Schindel. Und auch die Schelle: das Gefäß, das Schall hervorbringt. Hier wird die Schale zur Klangschale, das Tönerne beginnt zu tönen. Die Schallplatte, ein flaches Klanggefäß, ist also eine Art Schaal-Schaal. Es stimmt daher: Ich bin wirklich der Erfinder der Schallplatte, aus meinem Namen entsprang sie.

Mit Schaal/Schall/Schale verwandt ist übrigens auch der Skalp. Um das zu verstehen, dürfen Sie sich darunter nicht die Naturperücke vorstellen, die der Komantsche als Trophäe am Gürtel trägt. Das Wort kommt nicht aus der Indianersprache, sondern aus dem Nordgermanischen und bezeichnet ursprünglich den Schädel, die Hirn-Schale. Die alten Nordmänner zogen ihren toten Feinden nämlich nicht bloß die Kopfhaut ab, sondern benutzten deren runde Schädelknochen als Trinkgefäße. Ausgerechnet der sensible Dichter Rainer Maria Rilke ahnte etwas vom Zusammenhang von Schädel-Schale und Schall-Behälter: „Die Kronen-Naht des Schädels“, heißt es in der Schrift „Ur-Geräusch“, „hat eine gewisse Ähnlichkeit mit der gewundenen Linie, die der Stift eines Phonographen in den empfangenden rotierenden Cylinder des Apparates eingräbt. Wie nun, wenn man diesen Stift täuschte und ihn über eine Spur lenkte, die eben die Kronen-Naht wäre –: Was würde geschehen? Ein Ton müsste entstehen, eine Ton-Folge, eine Musik...“

Und dann ist da noch der etymologisch verwandte „Schild“, bei den alten Griechen der Ur-Mythos der Musik: Aus einem Schildkrötenpanzer entstand die erste Lyra. Der „Schild“ bringt uns auch direkt zur Tätigkeit des Musikkritikers: Den Schall „schildern“, das ist die erste und edelste Aufgabe eines Schall-Verständigen. Darin steckt das germanische skilja, scielian, skelti, das „spalten“ und „scheiden“ bedeutet, also exakt dasselbe wie das griechische krinein, aus dem die „Kritik“ wurde. „Schaal“ kann auch eine Waagschale sein; „schälen“ bedeutet bekanntlich: zum Kern vordringen; und mit der Schelle ist das Schelten verwandt. Schildern, unterscheiden, abwägen, zum Kern vordringen, notfalls schelten: Eigentlich kann ich mir gar keinen Namen vorstellen, der besser zu einem Musikkritiker passt als meiner. Sollte ich jemals ein Musikradio starten, müsste es „Die Schaalwelle“ heißen, und mein Musik-Reservoir würde dann zum „Schaalarchiv“. Dass der Schaal am Ende nicht nur mit dem Schall, sondern auch mit dem Schelm verwandt sein könnte, wollen die Sprachforscher nicht ausschließen.

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