 Als die Urzeit noch dunkel und bedrohlich war, huschten wir alle als kleine, furchtsame Pelztierchen umher und liebten nichts so sehr wie unsere Fluchthöhle. Die Hörgewohnheiten des Homo sapiens – von der Fahrstuhlmusik bis zum Avantgarde-Konzert – waren noch Millionen Jahre entfernt – und doch spielte das Hören bereits eine enorm wichtige Rolle in unserem Leben. Denn kleine Pelztierchen sind veritable Leckerbissen, wenn man Höhlenbären und Säbelzahntiger fragt. Jedes kleinste Geräusch konnte für uns Lebensgefahr bedeuten. Jedes kleinste Geräusch wirkte auf uns wie eine Warnsirene. Friedrich Nietzsche hat sich tief ins schreckhafte Beutetier-Dasein eingefühlt, als er schrieb: „Das Ohr, das Organ der Furcht, hat sich nur in der Nacht und in der Halbnacht dunkler Wälder und Höhlen so entwickeln können, wie es sich entwickelt hat.“ Die Ohren waren das Wichtigste an uns Pelztierchen. Sie verlängerten unser Leben.
Das rettende Organ
Prähistorische Funktionen des Ohrs prägen unser Musikhören bis heute
(2012)
Von Hans-Jürgen Schaal
Seit den 1990er-Jahren betrachtet die Wissenschaft den Menschen zunehmend auch unter evolutionsbiologischer Perspektive. Sie trägt damit dem Umstand Rechnung, dass die ersten sesshaften und über Schriftsysteme verfügenden Hochkulturen erst vor kaum mehr als 7.000 Jahren entstanden sind – eine viel zu kurze Zeitspanne, um den Menschen als biologisches Wesen wesentlich zu verändern. Vor der Ära der Hochkulturen war der Mensch – Homo habilis, Homo erectus, Homo sapiens usw. – bereits rund zwei Millionen Jahre lang auf dieser Erde unterwegs – als Jäger, Sammler und Feuerhüter. Die Gehirnforschung interpretiert unseren körpereigenen Wahrnehmungs- und Denkapparat daher als Ergebnis einer langen Anpassung an die Bedingungen dieses prähistorischen Daseins – ein Dasein, das vor allem durch Jagen und Gejagtwerden bestimmt war.
Akzeptiert man diese Prämisse, so kann auch das menschliche Gehör als Produkt prähistorischer Notwendigkeiten begriffen werden. Das Mittelohr – mit Hammer und Amboss – entstand mit der Säugetierwerdung vor rund 200 Millionen Jahren bei der Ausbildung des säugertypischen Kiefergelenks. Seitdem erfüllt das Säugetier-Gehör lebenswichtige Funktionen: Es dient der Orientierung, dem Gleichgewicht, der Kommunikation, der Registrierung von Gefahr und Beute. Bekanntlich besitzen viele Raub- und Beutetiere ein weit besseres Gehör als der Mensch. Der sogenannte „Darwin-Höcker“ am Ohr deutet darauf hin, dass auch unsere Primaten-Vorfahren besser hörten als wir. Aber noch beim heutigen Menschen ist das Hören der erste Wahrnehmungssinn, der sich entwickelt – nämlich schon beim Ungeborenen im Mutterleib –, und der letzte, der im Tod versagt. Denn das Überleben des Menschen als Einzelwesen und Spezies war jahrmillionenlang vom Hörenkönnen abhängig: Wir schließen nachts die Augen, aber das Ohr bleibt wach. Nicht an der Musik von Bach und Mozart hat sich unser Hörvermögen geformt, sondern unter den Bedingungen eines ungeschützten Lebens in der Savanne.
Warnung und Entwarnung
Der Ur- und Frühmensch lebte in einer gefährlichen Wildnis. Sein Gehör war darauf geeicht, tierische (und wohl auch menschliche) Räuber rechtzeitig zu erkennen. Es spezialisierte sich darauf, überraschende Geräusche – oder überraschende Stille – als Warnungen zu verstehen und – gerade auch in der Nacht – in verlässliche Informationen zu übersetzen: Was bewegt sich da? Ist es ein wildes Tier? Wie groß ist das Tier? Wo befindet es sich genau? Wohin bewegt es sich? Ist es hungrig und bedrohlich? Oder ist es eine mögliche Beute? Zwangsläufig verband sich das Hören von Ungewohntem dabei mit Empfindungen seelischer Erregung, mit Neugierde und Jagdfieber, aber auch mit Furcht oder Abneigung.
Bei der gemeinsamen Jagd unserer Vorfahren richtete das Gehör seine Aufmerksamkeit nicht nur aufs Beutetier, sondern außerdem auf Warn- und Bewegungs-Signale der anderen Jäger. Menschliche Ruftöne entwickelten dabei einen vor-sprachlichen Mitteilungs-Charakter, den wir heute in der Melodie menschlichen Gesangs nur noch erahnen können. „Unsere ersten Vorfahren konnten nicht sprechen“, erklärt Stefan Koelsch, Professor für Musikpsychologie: „Alle Kommunikation fand über Amplituden- und Frequenzmodulationen der Stimme statt.“ Reste dieser Fähigkeit haben sich durchaus erhalten: Mütter bestätigen, dass sie am Weinen ihres Babys unterscheiden können, ob es hungrig oder müde ist, ob es Schmerzen oder nur Langeweile hat.
Wie das Hören der Warnung, Orientierung und Kommunikation dient, dient es andererseits aber auch der Entwarnung und Entspannung. Gewohnte Geräusche – etwa vertraute Stimmen, das unaufgeregte Singen der Vögel oder das friedliche Rauschen des Westwinds im Baum – bedeuteten für den Urmenschen Normalität und erlaubten ihm, seine Aufmerksamkeit „abzuschalten“. Ebenso beruhigt sich ein Säugling, wenn er die Stimme seiner Mutter, ein Wiegenlied oder eine bestimmte Sprechmelodie hört. Unsere Wahrnehmung kann sich an gleichbleibende Töne, die Sicherheit vermitteln, sogar so sehr gewöhnen, dass wir sie gar nicht mehr bewusst registrieren. Erst wenn sie verstummen, vermissen wir sie plötzlich. Sobald sich aber ein „warnendes“ Geräusch in die gewohnte Klangkulisse einmischt, richtet sich unsere Aufmerksamkeit sofort auf das Neue. Dann empfinden wir die gewohnten „Hintergrundgeräusche“ möglicherweise sogar als störend für unsere Konzentration.
Aktivation und Deaktivation
Diese Ur-Funktionen unseres Gehörs – Warnung und Entwarnung – spiegeln sich noch heute in unserem Musikhören wider. „Das Ohr ist unser Aktivations- und Deaktivationssinn“, sagt der Hörfunk-Spezialist Manfred Mixner. „Wir werden wach, angeregt, aufmerksam durch ganz bestimmte Klangfolgen, und andere Klangfolgen beruhigen uns, schläfern uns ein, bringen uns zum Träumen, usw.“ Psychologische Tests mit Hörern haben ergeben, dass Überraschungsmomente in der Musik häufig Herzklopfen und Gänsehaut auslösen. Konsequente Fortsetzungen eines angenehmen musikalischen Musters führen dagegen zu Hochgefühlen glücklicher Zufriedenheit. „Professionelle“ Hörer, die aktiv an musikalischen Entdeckungen und Neuheiten interessiert sind, kennen das erregte Fieber des Beutejägers. Dagegen schafft vertraute Hintergrundmusik auf Partys oder im Freundeskreis sofort eine entspannte, lockernde Stimmung; darauf beruht auch die Wirkung aller Kaufhaus- oder Tapetenmusik („Muzak“). Der Psychiater Manfred Spitzer beschreibt diese Entwarnungs- oder Deaktivations-Funktion so: „[...] Hintergrundmusik schafft [...] Privatheit, zuweilen aber auch Vertrautheit bzw. eine bestimmte emotionale Atmosphäre.“
Aus dem Gesagten erklären sich nicht nur die zwei grundlegenden Haltungen in unserem Musikhören – das aufmerksame Hören und das zerstreute Hören –, sondern auch manche unangenehmen Gefühle, die sich zuweilen einstellen, wenn Musik erklingt. Viele Menschen empfinden eine tief sitzende, geradezu körperliche Abneigung gegen ungewohnte Klänge und neutönerische Überraschungen. „Während sich die verspritzten Abstraktionen von Jackson Pollock auf dem Kunstmarkt für 100 Millionen Dollar oder mehr verkaufen [...], schickt das Äquivalent in der Musik noch immer Wellen des Unbehagens durchs Konzertpublikum“, so der Musikkritiker Alex Ross. Es scheint, als würden ungewohnte Geräusche von vielen Menschen als Warnsignale übersetzt, gekoppelt mit Gefühlen der Angst (Raubtier!) oder Abneigung (Schlange!). Umgekehrt wird aber auch eine konfektionierte Hintergrundmusik, wie sie im Supermarkt oder in der Hotellounge erklingt, zuweilen als unangenehm erlebt. Das passiert genau dann, wenn der „Vordergrund“ – ein wichtiges Gespräch, eine wichtige Entscheidung, eine „bedrohliche“ Situation – plötzlich unsere Aufmerksamkeit verlangt: Dann wirkt die Hörkulisse auf einmal störend.
Mozart ersetzt die Savanne
In der Wildnis hat unser Gehirn gelernt, sich auf bestimmte, potentiell bedrohliche Geräusche zu fokussieren. Der Psychiater Manfred Spitzer beschreibt diese Aufmerksamkeits-Technik allgemein für die Tierwelt: „Wird ein Tier mit einem neuen Reiz konfrontiert, so werden nicht nur Herzschlag und Atmung beschleunigt und der Kopf bzw. der ganze Körper in Richtung Reiz gedreht, sondern es kommt auch zu einer kurzfristigen Steigerung von Hören und Sehen.“ Wenn man in einer lauten Umgebung einem Gespräch zuhören und daran teilnehmen möchte, kann sich das Ohr tatsächlich gezielt auf die Richtung und Frequenz der Stimmen einstellen. Bei Sehbehinderten wurde ebenfalls die Fähigkeit zur Steigerung der Hör-Leistung festgestellt. Diese Fähigkeit des Ohrs bzw. Gehirns kommt unserem Musikhören sehr zugute: Wir können Details eines musikalischen Ablaufs oder komplexen Klangbilds in unserer Wahrnehmung isolieren und begutachten.
Ob es sich nun um ein Raubtier im hohen Gras handelt oder um eine sinfonische Dichtung aus der Hifi-Anlage: Das Hören ist dabei immer ein „kreatives Darstellen“ der eingehenden Signale (so der Physiologe Hermann v. Helmholtz), ein „schöpferisches Heraushören“ von Mustern (so der Komponist Nicolaus A. Huber). Denn es sind ja nur Luftdruckschwankungen, die an unser Ohr gelangen, und davon ausgelöste Nervenimpulse, welche wir dann in ein Klangbild des Raums übersetzen. Der Mensch hat in der Savanne gelernt, unvollständige Hör-Informationen zu interpretieren, zu vervollständigen und daraus ein inneres Hörbild zu formen. Auch beim Musikhören korrigiert unser Gehirn ständig unsere Wahrnehmung von Intervallen und Lautstärken. Seine analysierende Arbeit ermöglicht uns, Strukturen und Bewegungen im Klangbild zu erkennen, eine melodische Linie wahrzunehmen oder einen Rhythmus „herauszuhören“.
Nicht die Musik hat unser Gehör geprägt, sondern umgekehrt: Unsere Musik entspricht den Fähigkeiten des in prähistorischer Zeit entwickelten Gefahren-Hörens, seiner Differenziertheit, seinem Frequenz-Spektrum. Wären die menschlichen Hörleistungen andere – vergleichbar den Delfinen oder Fledermäusen –, so klänge sicherlich auch die menschliche Musik anders.
Überhaupt könnte man die Klangkunst der Menschen als eine Art Beschäftigungstherapie für einen unterforderten Wahrnehmungs-Apparat begreifen. Eines Tages in grauer Urzeit, sagen wir: im Jungpaläolithikum, hatten unsere Vorfahren nämlich gelernt, sich in Höhlen oder Hütten einzurichten, die gegen Raubtiere sicher verschließbar waren. Und da saßen sie nun mit ihrem hochentwickelten akustischen Warn- und Spürsinn, der nur noch wenig zu tun bekam. Zum Glück kam irgendein Neandertaler an einem langen Höhlenabend aus Langeweile auf die Idee, Löcher in einen Vogelknochen zu bohren und auf dieser hohlen Röhre mit Mund und Fingern verschiedene Töne zu erzeugen. Er löste damit unter seinen Mit-Neandertalern heftige Diskussionen aus, denn jeder bildete sich auf das Urteil seiner Ohren viel ein. Von diesem Tag an hatte das differenzierte Jäger- und Beute-Gehör eine neue Beschäftigung. Die Musik.
© 2012, 2026 Hans-Jürgen Schaal
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