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Henry Threadgill

Where’s Your Cup? (Columbia)
Henry Threadgill, Brandon Ross, Tony Cedras, Stomu Takeishi, J.T. Lewis

GEBRATENE GRAPEFRUIT
Henry Threadgill komponiert den Raum

Überm Hinkegalopp ein Slap-Bass-Solo, das Ganze kippt um in schleppenden Rock-Hymnus. Irrlichternde Bebop-Motive, zerstäubend im Wechselspiel der Instrumente. Cajun-Anklänge vom Akkordeon, eine Jazz-Ballade auf der Flöte, die klassische Gitarre intoniert Getragenes. Dann: rhythmisierte Sound-Konstrukte wie von einer Prozession trauriger Nachtwelt-Monstren. Und natürlich Tango-Artistik, genannt "100 Year Old Game".

Der Mann, der diese gewaltige Musik ersinnt, heißt nur deshalb Jazzmusiker, weil jede andere Schublade zu klein für ihn wäre. Als Kind spielte er Boogie-Woogie-Klavier, blies in Polka- und Mariachi-Bands und kannte Tschaikowsky in- und auswendig. Auf dem College in Chicago wurde das Jazz-Kollektiv AACM zu seinem eigentlichen Lehrkörper. Am Konservatorium, wo Jazz verpönt war, spielte er auf der Klarinette Hindemith und Poulenc. Er trat mit Blues-Bands auf, arbeitete mit balinesischen Tänzern, komponierte für die Philharmoniker von Brooklyn. Seit Jahren gilt Henry Threadgill in amerikanischen Magazinen als bester lebender Jazz-Komponist. Seine Platten würde er jedoch lieber unter World Music eingeordnet sehen, weil da die Erwartungen der Hörer weniger fixiert sind.

Im Klangbild der CD "Where's Your Cup?" dominiert das Akkordeon: ein Instrument, das weit ausholt in die Sphäre der Hemdsärmeligkeit, das an Stra?enmusikanten und Hafenarbeiter denken lässt, an argentinische Tangokneipen und den Voodoo-Zauber von New Orleans. Der Akkordeonist heißt Tony Cedras, seine Empfehlungen sind Cassandra Wilson und Muhal Richard Abrams. Mit des Akkordeons Hilfe erstehen hier komplexe Gebäude, die polyphone Stilbrüche sind, Bewegungsfolgen, die den musikalischen Raum immer wieder neu erschaffen: Threadgill liebt diese Vergleiche mit Architektur und Tanz. Noch lieber sieht er sich als Küchenchef ohne Menükarte, der seine Rezepte täglich umschreibt, die Zutaten improvisiert, der Phantasie folgend: heute Grapefruit in der Pfanne mit Butter und schwarzem Rum.

Als er 1971 für ein Avantgarde-Theater Stücke von Scott Joplin arrangieren sollte, gründete Threadgill dafür das Jazz-Trio "Air", das 12 Platten aufnahm. Sechs Platten machte sein Sextet, das in Wahrheit ein Septett war, dann kam die Band "Very Very Circus": ein unwahrscheinliches Ensemble mit zwei Tuben und zwei Gitarren, von dem sich Threadgill auch auf den letzten Platten nie ganz löste. Das Quintett auf "Where's Your Cup?" ist ein Neubeginn – eine Neubegegnung auch mit dem Komponisten, Saxophonisten und Flötisten Henry Threadgill. Der musikalische Bewegungsraum der Jetztzeit wird einmal mehr umdefiniert.

Veröffentlicht 1997 in der Süddeutschen Zeitung

© 1997, 2007 Hans-Jürgen Schaal


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