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Die elfte Hörhilfe 15.5.07

Jukeman

"The Slick And The Phat" (Trip Tone Label 007 PM)
Jukeman (voc, samples, prod, concept), Julie Roberts (voc), Steve Williamson (ts, ss), Guy Barker (tp), Tony Rémy (g), Big John Patton (org), Mark Mondesir (dr), Eddie Harris (electric ts), Sally Rodgers (voc), Dubby Joe (voc), Roger Moore (narr), a.m.o.

rec. ca. 1994, London

Unter den verschiedenen Versuchen, echten Jazz zum Rückgrat eines dancefloor-tauglichen HipHop-Konzepts zu machen, ist Jukemans Projekt bislang der konsequenteste. Der 1969 geborene Londoner mit Vorfahren aus Martinique und Somalia sammelte Rap- und HipHop-Erfahrungen bei Buddah & The Soho Gangstas und arbeitete zugleich als Soundmixer für britische Jazzmusiker wie Stan Tracey, Peter King und John Taylor. Ende der 80er Jahre kam er mit verschiedenen Bands der Acid-Jazz-Szene in Kontakt und wurde als Haus-DJ im Klub »Mr. Sanchez« bekannt. Jukeman (bürgerlich: Moses Edwin) war u.a. als Chorsänger bei den Jazz Defektors dabei, spielte Rhythmusgitarre bei Snowboy, dirigierte bei James Taylor die Bläsereinsätze und arbeitete in verschiedenen Projekten von Gilles Peterson mit. Im Herbst 1992 knüpfte er erste Kontakte zu japanischen DJs und Sample-Spezialisten aus der Dub-Ambient-Ecke von Tokyos »Blinded Samurai« und begann wenig später, an seinem eigenen Konzept zu arbeiten. Obwohl er von wichtigen Vertretern der House-Jazz-Szene gefördert wurde, produzierte Jukeman seinen Erstling auf einem unabhängigen Label, das ihm völlige Entscheidungsfreiheit ließ.

Das Markenzeichen von Jukeman ist ein digital bearbeitetes, moody oszillierendes Knistern, das von alten Vinylscheiben kommt und sich bei ihm zum Psychedelic-Tekkno-Effekt verselbständigt. Unterlegt von fetten Hammond-Grooves, noch fetteren gesampleten Baß-Sounds und heavy House-Beats, verwischen in dieser Musik die Grenzen zwischen Jazz-Samples und Original-Jazz, zwischen Dub-Electro und Trip-Hop-Jungle. Die Hit-Nummer der Produktion ist »Freedom Sound«, eine Cover-Version des alten Crusaders-Erfolgs: Sie wurde 1995 zur Erkennungsmelodie von angeblich mehr als 70 Radioprogrammen in Europa. Allein an den einleitenden acht Schlagzeug-Takten soll das DJ-Team Countabeat-Derringer-Slot eine volle Woche im Studio gearbeitet haben. Jukemans Solo-Einlage, die von den jazzig harmonisierten Frauenstimmen kommentiert wird, gehört zu den rhythmisch raffiniertesten und swingendsten Raps der postantiken Kulturgeschichte. Intelligent leitet Eddie Harris' Spiel auf dem elektrischen Funk-Saxophon über in das gesamplete Solo von Wilton Felder (Mai 1961), das durch Noise-Dubs aus der japanischen Hardcore-Szene munter aufgemischt wird.

Von den drei Remix-Versionen, die das Album enthält, besitzt der »Thames Bond Mix» längst Kultstatus: Über einem besonders slicken Dub-Jungle-Beat liest der britische Schauspieler Roger Moore eine Passage aus einem Agatha-Christie-Krimi, wobei sich das erdige Solo des Crusaders-Bassisten Jimmy Bond immer wieder dominant einmischt. Einige überraschende TripHop-Breaks und Dub-House-Samples machten auch den »Hammond Rare Mix #2« zur Legende. Hier ergänzt eine zweite Bläsergruppe die Riffs der Crusaders zum kontrapunktischen HipHop-Swing, während Big John Patton zu psychedelischen Sound-Trips einlädt. Das schwer erhältliche Doppel-Vinyl bietet als Bonus eine Feature-Nummer für Tony Rémy und das Scratch-Team Cut & Smear, »The Inventor«. Aus dem Rhythmus von Wes Montgomerys Worten »I am the inventor of Acid Jazz«, die das Stück einleiten, entwickelt sich ein fetter Reggae-House-Beat, der die 12-Minuten-Nummer zum Dancefloor-Feger machte.

Geschrieben 1997. Erstveröffentlichung

©2007 Hans-Jürgen Schaal


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