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UNMUSIKALISCHES

- Der Journalist hat einen Vogel (Buchbesprechung)
- Das andere Deutschland in Wien (Buchbesprechung)
- Lieder im Dienste des Auges (Buchbesprechung)
- Phantasie ist subversiv (Essay)
- Die behinderten Väter (Buchbesprechung)
(Wird erweitert.)

Der Journalist hat einen Vogel
Cherry Duyns' Roman über die Liebe, die Einsamkeit und die Musik
(1996)

Von Hans-Jürgen Schaal

Papageien sind literarische Tiere. Sie sitzen im Käfig, bespiegeln sich selbst und wiederholen ihre paar Wörter, bis sie jeden Sinn verlieren. Einzelgänger (wie Gustave Flaubert und Robinson Crusoe) haben diesen Vogel seit je ob seiner Wesensverwandtschaft geschätzt. So auch Victor Klein, der Held in Cherry Duyns' Roman. Der baut sich sogar seinen eigenen Käfig, um darin auf der Trompete zu üben, während Booker, sein Papagei, immer wieder Kleins Lebensweisheiten daherkrächzt.

Victor Klein, Holländer, ist freier Journalist, schreibt kleine Artikel für verschiedene Zeitschriften und macht Übersetzungen aus dem Deutschen. Er kann es sich leisten, mit einer guten Portion Weltfremdheit, Arroganz und zynischen Spotts durchs Leben zu gehen - bis seine Frau Elisa mit ihrem kleinen Reisebüro in die Welt der Erfolgreichen aufsteigt. Plötzlich gibt es zwischen ihrem weltoffenen Realismus und seiner ironischen Eigenbrötelei keine Brücken mehr: Elisa setzt ihn vor die Tür - mitsamt seinem Papagei.

Kleins neue Liebe ist eine Trompete. Er erwirbt sie von einer greisen Dame im Altenheim und erforscht - vergangenheitsbesessen, wie er ist - den Lebensweg des Instruments bis zurück ins Vorkriegs-Berlin. Doch die Liaison bleibt unglücklich, denn Klein fehlt das Talent zum Jazz-Trompeter. Als ihm auch noch der Papagei stirbt, wird aus dem Lebenskünstler eine tragische Figur, und das Buch wandelt sich vom Schelmenstück zum melancholischen Beat-Roman. Denn ohne Elisas Fröhlichkeit bleibt Kleins stolze Weltverachtung selbstzerstörerisch, und am Ende ist es natürlich Elisa, die wieder den Kontakt aufnimmt: Sie vermißt seine Überlegenheit so sehr wie er ihren praktischen Sinn. Also darf er sich getrost als das fühlen, was sein Name behauptet - ein kleiner Sieger.

Ein rührendes, witziges, tragikomisches Buch über die Liebe, ihre Kompromisse und ihre notwendigen Gegensätze. Nebenbei auch eine halbversteckte Hommage an den Jazz - angefangen bei der Stadt Haarlem (Namenspatronin der amerikanischen Jazz-Hochburg), den Kapitelüberschriften (Titel von Jazz-Standards), der Aufzählung genialer Jazz-Trompeter. Einen Namen vermißt man unter ihnen: Booker Little. Den verteilte der Autor auf seinen Helden und dessen Haustier.

Erstveröffentlichung in: Buchkultur

Das Buch: Cherry Duyns: DANTES TROMPETE. Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen. Luchterhand 1996, 224 S.

© 1996, 2005 Hans-Jürgen Schaal

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Das andere Deutschland in Wien
(1995)

Von Hans-Jürgen Schaal

Die 1. Jiddische Sprachkonferenz fand 1908 noch in Czernowitz in der Bukowina statt. Dann, während des 1. Weltkriegs, drängte die ostjüdische Intelligenz nach Westen, fand in Wien ihr Tor zur großen Welt, bildete hier eine eigene Literaten-Szene, die sich gegen den Assimilationsdruck zur Wehr setzte. In Wien entstanden jiddische Tageszeitungen und Literaturzeitschriften, jiddische Theater, Verlage und Filme, jiddische Übersetzungen von Werken Kafkas und Lasker-Schülers. Im Café Herrenhof trafen sich die Poeten aus dem Shtetl und planten in den zwanziger Jahren gar eine Anthologie jiddischer Lyrik in deutscher Sprache. Titel: "Das andere Deutschland". Sie kam nie zustande.

Gabriele Kohlbauer-Fritz korrigiert dieses Versäumnis 70 Jahre später mit literaturhistorischer Akribie. Ihre Sammlung vereinigt 37 lyrische Texte von zwölf überwiegend galizischen Autoren. Von allen Texten findet man drei Versionen: die jiddischen Originale (in hebräischer Schrift), Transkriptionen (in lateinischen Lettern), Übertragungen ins Deutsche. Die Gedichte belegen, daß die jiddischen Literaten keineswegs von den Strömungen der Zeit isoliert waren. Vieles erinnert da an Trakls todumwehte Landschaftsbilder, an Heyms Großstadt-Alpträume, an Stramms radikale Kriegsvisionen. Auch die sozialistische Komponente fehlt nicht, die das steinerne Ungeheuer Wien als entfremdete, ausbeuterische, todgeweihte Kapitalisten-Festung erscheinen lassen will: lyrische Avantgarde anno 1920.

Das Buch entdeckt eine verlorene Literatur, doch das ist nicht der Grund, warum es betroffen macht. Was lyrische Sensibilität damals einfing, ausgelöst von Heimatverlust, Diskriminierung und Gewalt, läßt den heutigen Leser den heraufziehenden Holocaust spüren. In den Versen Mani Lejbs: "Ich hob nischt farnumen baj Nacht kejn Geschreij, / doch nohend gewen is der Schrek. / Fartog erscht hob ich ojf ajn Feld ojf majn Schnej / getrofen dem blutigen Flek". Der Mord an den Juden hatte längst begonnen.

Erstveröffentlichung in: Buchkultur

Das Buch: In a Schtodt woss starbt / In einer Stadt, die stirbt. Jiddische Lyrik aus Wien. Herausgegeben und übersetzt von Gabriele Kohlbauer-Fritz. Picus Verlag Wien 1995, 200 S.

© 1995, 2004 Hans-Jürgen Schaal

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Lieder im Dienste des Auges
(1995)

Von Hans-Jürgen Schaal

Cees Nooteboom ("Rituale", "Die folgende Geschichte") ist ein Mann des Sehens - ein Bildungsreisender, ein Kenner der Malerei, ein Gehirn-Fotograf. Er ist Augenmensch in einem Maße, daß ihm das Sehen selbst zum zentralen Thema wird: "Das Gesicht des Auges" heißt sein Lyrikband, die einzelnen Teile tragen Überschriften wie "Der Betrug des Sehens", "Das innere Auge", "Was es zu sehen gab".

Da sieht einer mit den Augen des Philosophen, reflektiert über sein eigenes Sehen, reflektiert das Sich-selbst-Sehen des Sehenden. Erkenntniskritisch hinterfragt der Lyriker Nooteboom die optische Information, das Bild, das immer schon ein vorweg Gebildetes, ein Vor-Bild, ein Vorurteil enthält. Im Gedicht spricht er vom "Betrug / des Sehens", fordert den Bruch mit der Anschauung, entlarvt sie als Blendung und bloßen Augen-Schein.

Das Auge als Herrschaftsorgan und die Dialektik von Subjekt und Objekt, Platons Höhlengleichnis und Masaccios Zentralperspektive: In dieser Lyrik schwingt vieles mit, vor allem Philosophiegeschichte. Auch das denkerische Äquivalent zum Auge ist gemeint: der Begriff, der Phänomene zu erklären glaubt, indem er sie subsumiert. Virtuos wird da mit den verschiedenen Bedeutungsebenen des Sehens jongliert, mit unseren Einsichten, Ansichten und Anschauungen.

Doch philosophischer Tiefgang war noch nie Garant für ein gutes Gedicht. Ihrem Ursprung nach heißt Lyrik: Gesang zur Lyra, musikalische Sprache, wenn nicht gar Silbenmusik. Wie alle Musik meidet, übersteigt, hinterfragt sie den begrifflichen Diskurs: Das Ohr transzendiert den optischen Trug, der lyrische Nicht-Begriff die lexikalische Vokabel. Für Nootebooms Texte hingegen ist die Emanzipation vom Auge nur eine Utopie. Ihnen fehlt alle Musik, das Ohr des Lesers kommt zu kurz: Diese Lyrik bleibt Augenlyrik, so sehr sie sich auch problematisiert. Das autoritäre Ich der europäischen Geistesgeschichte bleibt darin ganz bei sich - auch in seiner Auflösung. Noch Nootebooms lyrisches Scheitern reflektiert sein Thema: das Scheitern der westlichen Augen-Vernunft.

Die Welt des Auges: eine gespenstische, lautlose Ansammlung von Kulturdenkmälern, leeren Plätzen, stummen Fassaden, eingefrorener Historie. Eine Postkartensammlung optischer Eroberungen. Eine Mythologie des Sehens, gewaltig und arm. Das weiß der Autor auf seine Weise zu sagen, und es ist nicht unbedingt das, was man von einem Gedichtband erwartet.

Erstveröffentlichung in: Buchkultur

Das Buch: Cees Nooteboom, Das Gesicht des Auges (Het gezicht van het oog). Gedichte. Zweisprachig, In der Übertragung von Ard Posthuma, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1991, 1994 92 Seiten.

© 1995, 2004 Hans-Jürgen Schaal

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Phantasie ist subversiv
Gedanken zur Science Fiction
(1993)

Von Hans-Jürgen Schaal

Thomas Mann pflegte zu beteuern, daß er in seinen Büchern nichts erfinde. Noch die kurioseste Begebenheit, die skurrilste Figur, die lächerlichste Redewendung wollte er dem Leben selbst abgelauscht haben. In einem höheren Sinn gelten Thomas Manns Worte für jeden Autor: Wir sind nun einmal Produkte der Inputs aus der Realität, die uns umgibt. Auch unsere scheinbar realitätsfernsten Phantasien reflektieren noch die Umstände, unter denen sie gedeihen, und jede Zukunftsutopie erzählt uns mehr über die Zeit ihrer Entstehung als über die Welt von morgen. Deshalb wirken Science-Fiction-Filme aus den Sechzigern, die im Jahr 3000 spielen, heute eher museal als futuristisch. In seiner Erzählung "The Gernsback Continuum" beschreibt William Gibson, der Cyberspace-Erfinder, dieses Altern der Utopien: Der Ich-Erzähler spürt den Visionen amerikanischer Designer aus den 50er Jahren nach und entdeckt "ein 1980, das es nie gab. Eine Architektur aus zerbröckelten Träumen".

Phantasie ist die Kraft, die Erfindungen hervorbringt und Revolutionen, die das Vorhandene in Frage stellt, das noch nicht Gedachte denkt. Aber indem sie sich ständig von der täglichen Erfahrung abgrenzt, bleibt sie ihr auch treu: Sie verfremdet sie nur. Verfremdung, sagt Brecht, nimmt der Welt "das Selbstverständliche, Bekannte, Einleuchtende". Historisch gebunden, wie unsere Phantasie nun einmal ist, ist sie sich dieser Bindung ständig bewußt: Sie versteht die Welt als veränderbar. Verfremden heißt Historisieren, sagt Brecht.

Science Fiction, Fantasy und die phantastisch getönte Literatur überhaupt bedeuten eine Verfremdung im radikalen Sinn. Sie erfinden nicht das Wahrscheinliche, sondern heben die Grundlagen unserer Erfahrung auf: den gesellschaftlichen Rahmen, den technischen Standard, die psychologische Befindlichkeit, die wir kennen. Phantastische Literatur ist Zeitkritik, die bis in die Fundamente reicht - fähig, das ganz Andere zu denken. Daß darüber die literarische Stringenz vernachlässigt wird, daß die Gefühle, die Wahrnehmung, die Sprache der Verdinglichung anheimfallen, macht sie unseren nächtlichen Träumen ähnlich.

Gerade weil Phantasie historisch ist, ist phantastische Literatur relevant, denn sie gestaltet jene Ängste und Hoffnungen, die in den Bildern der Realität keine Sprache haben. So war es immer: In den Märchen und Mythen der Menschheit hat sich die Geschichte des Unbewußten niedergeschlagen, des nicht Bewältigten, des Gefürchteten und Diskriminierten. Die einen nennen es Religion, die anderen Utopie. Die Geister der Ahnen haben sich nur inzwischen in Marsmenschen verwandelt.

In der Esoterik der Fantasy und den Zukunfts- und Parallelwelten der Science Fiction kommt zum Vorschein, was wir uns selten eingestehen, was wir nicht einmal formulieren können. Da wird die Gegenwart weitergedacht ins Morgen oder reduziert auf ein zeitloses Einst. Da wird sie variiert und verkehrt bis zur Absurdität, da wird ausgemalt: was wäre, wenn? Was wäre geworden, wenn nicht? Unsere reale Welt, die sich dem Zugriff des Realismus nur zu gern durch tausend Masken entzieht, wird hier bewußt ausgespart - und doch entstellt bis zur Kenntlichkeit, um mit Bloch zu reden. Phantastik ist ein Umweg zur Erkenntnis, der unsere dumme Vernunft austrickst. Wir erfahren Identität durch die Differenz. Phantastik ist naiv aus Raffinesse.

Es ist die Naivität der Kinder und ihrer ewigen Warum-Fragerei: Warum haben wir zehn Finger? Warum wohnen die Menschen in Häusern? Warum können Tiere nicht reden? Als große Kinder erfinden wir uns dann den Außerirdischen mit seinen sechs Tentakeln, das Reich der Erdgeister, den sprechenden Wolf. In der Welt des Spielzeugs gehören interstellare Raumschiffe inzwischen ebenso zur Realität wie Feuerwehr und Computer. Aber so etwas wie Dampflokomotiven - gibt es das wirklich?

Während wir täglich erfahren, daß sich Wünsche nicht erfüllen, während unser Denken immer mehr vor der Realität verblödet, indem es ihre Regeln akzeptiert, ist unserer Phantasie nichts unmöglich. Sie ist wie der Tagtraum, an der Zimmerdecke spazierenzugehen: ein offener Protest gegen das Realitätsprinzip. Solche Träume sind alles andere als harmlos, denn sie werden im Alltag geträumt, sind sein Produkt und widerstehen ihm - als experimentelle Freiräume für unser reglementiertes Denken, als Übungen im Anderssein. Ein letztes Indiz dafür, daß zwischen den Betonmauern unserer Welt nicht nur gut funktionierende Roboter hausen, sondern lebendige, kreative, visionäre Menschen. Die mit den zehn Fingern.

Erstveröffentlichung in: Buchkultur

© 1993, 2007 Hans-Jürgen Schaal

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Die behinderten Väter
Warum Männer die Behinderung ihrer Kinder so schwer verarbeiten
(2000)

Von Hans-Jürgen Schaal

Der Herausgeber des Buches "Väter behinderter Kinder" bildet Sonderschullehrer aus. Durch einen Kollegen erfährt er eines Tages von einem ganz besonderen Männer-Stammtisch. Einem Stammtisch, an dem nicht nur über Fußball, Autos, Beruf und Hobby gesprochen wird, sondern auch über Fachmedizin und Reha-Technik. Einem Stammtisch, an dem auch am Feierabend manchmal sorgenvolle Gesichter zu sehen sind. Einem Stammtisch von Vätern behinderter Kinder. Der Hochschullehrer nimmt Kontakt auf, besucht den Stammtisch einige Zeit lang und bittet schließlich die Teilnehmer, über sich und ihre behinderten Kinder zu schreiben. Das Ergebnis ist dieses Buch. Es zeigt, wie schwer es Vätern fällt und wie wichtig es für sie ist, sich zu diesem Thema zu äußern. Und es zeigt auch, welche lebensnotwendige Funktion ein solcher Stammtisch erfüllen kann.

Warum ist es für Väter viel schwieriger, über ihre behinderten Kinder zu sprechen, als für Mütter? Das liegt zunächst einmal an der Sozialisierung der Männer, die ihnen nicht nur eine bestimmte Verhaltensrolle, sondern auch ein entsprechendes soziales Umfeld zuweist. Im Spiel mit Puppen, im Vater-Mutter-Spielen und in Mädchen-Freundschaften haben viele Frauen von klein auf gelernt, ihre Gefühle nach außen zu tragen und untereinander auszutauschen. Jungs im gleichen Alter richten ihr Interesse auf Objekte - Autos, Computer, Wissenschaft, Abenteuer. Jungs üben nicht, von ihren Emotionen zu sprechen, sie lenken vielmehr von sich selbst ab und verstehen das als Stärke. Die traditionelle Geschlechterrolle der Männer ist die des kopfgesteuerten, keine Schwächen zeigenden, sachlich urteilenden Menschen. Ein Trauma wie die Behinderung des eigenen Kindes ist daher kein Thema für Männergespräche. Eine Verarbeitung findet oft nicht statt.

Dass Männer in Wirklichkeit ganz anders sind, wissen wir alle. Die im Buch berichtenden Väter bekennen sich zu ihrer ständigen oder panischen Angst ("es schnürt mir das Herz zu"), zu heimlichem oder plötzlich ausbrechendem Weinen ("Millionen Tränen vergossen", "das heulende Elend"), depressiven Zuständen ("wie in einer Zwangsjacke") und dem Gefühl hoffnungsloser Überforderung ("ohnmächtige Verzweiflung"). Vor allem die Erfahrung, dass sie einer übermächtigen, katastrophalen Situation hilflos gegenüber stehen ("nur zusehen und hoffen"), hinterlässt offenbar eine schwere Erschütterung. Gewohnt, praktische Probleme zu lösen, berufliche Situationen zu managen, erleben Männer die eigene Ohnmacht gegenüber der Erkrankung des Kindes als Angriff auf ihr Welt- und Selbstverständnis. Der Einschnitt ist tief: Die Väter sprechen von einem "Bruch" in ihrer Lebensbahn, vom Beginn eines "zweiten", eines "anderen" Lebens.

In der Tat ändert ein behindertes Kind das Leben gewaltig. Das beginnt mit der Rollen-Umbesetzung innerhalb der Familie. Viele Männer haben das Gefühl, dass sie durch ihre offensichtliche Ohnmacht ihr Ansehen als verlässliches, verantwortungsvolles, schützendes Familien-Oberhaupt verspielt haben. Das behinderte Kind tritt in den Mittelpunkt der Familie und besetzt ihn nicht nur im Baby-Alter, sondern womöglich für immer. Die Mutter übernimmt gewöhnlich die Rolle des Haupt-Betreuers, der Vater, tagsüber meist abwesend, bekommt vieles nur am Rande mit, erfasst neue Situationen später, fühlt sich ausgegrenzt und als "Fremdkörper". Viele Väter mussten erfahren, dass Trost und Hilfe nur den Müttern gespendet wird. Geht es um Fragen der Versorgung und Erziehung, ist ebenfalls die Mutter die Ansprechperson. Die Angelegenheiten des Vaters sind kein Thema mehr innerhalb der Familie, und er fühlt seine Identität als Mann und Versorger bedroht. Die Folgen: Angst und Wut, Eheprobleme, Streitigkeiten, gegenseitige Schuldzuweisungen. Viele Männer reagieren mit Aggression, psychosomatischen Erkrankungen, Flucht oder Scheidung.

Auch nach außen hin büßt der Vater eines behinderten Kindes seine Autorität ein. Ein lebenslang krankes Kind zu haben macht es schwer, Vaterstolz und Vaterglück zu zeigen. Wenn andere Väter mit den Leistungen ihrer Kinder angeben, schweigt der "behinderte Vater". Er nimmt Abschied von dem Traum, sich in seinem Kind wiederzufinden, mit ihm die eigenen Kindheits-Abenteuer neu zu erleben oder mit dem Sohn eines Tages Gespräche "von Mann zu Mann" zu führen. Vor allem an Weihnachten und am Geburtstag des Kindes bricht im Vater oft das ganze Leid auf. Manche Väter meiden tunlichst jeden Kontakt zu Dritten, wenn sie mit dem behinderten Kind allein unterwegs sind. Andere erfinden besondere Ballspiele oder Fortbewegungsmittel, um auch mit ihrem behinderten Kind einmal ein Erfolgserlebnis genießen zu können. Vor Fremden allerdings geben solche Ersatz-Leistungen wenig her. Mit seinem behinderten Kind fühlt sich der Vater oft als bloßer Zuschauer im Leben.

Da es Vätern behinderter Kinder nicht leicht gemacht wird, ihre Situation zu verarbeiten, verdrängen sie ihr Trauma, versuchen besonders schlimme Erinnerungen auszulöschen und nicht darüber nachzudenken. Vielen gibt der Beruf dabei Halt und Ablenkung. Doch die Doppel-Belastung durch Beruf und familiäre Situation fordert auch ihre Opfer. Väter behinderter Kinder bemerken oft, dass ihnen am Arbeitsplatz die nötige Ausgeglichenheit fehlt, dass ihnen die Witze und die Betriebsamkeit der Kollegen auf die Nerven gehen. Im Büro über ihr Problem "Behinderung" zu sprechen, ist nicht möglich. Die Väter kommen sich wichtigtuerisch vor, wenn sie selbst davon anfangen. Tun sie es doch, bleibt oft jede Reaktion aus. Wirklich interessierte Fragen werden von den Kollegen nicht gestellt. Das eine, für die "behinderten Väter" existenzielle Thema wird ausgespart. Viele berichten, dass die privaten Beklemmungen sie auch im Beruf begleiten und die Qualität ihrer Arbeit beeinträchtigen. Bald erscheint ihnen der berufliche Erfolg unwichtig. Verlangt das berufliche Fortkommen zum Beispiel einen Ortswechsel, neigen die Väter zum Rückzug - mit Hinweis auf die Problematik der Versorgung ihres Kindes. Karriere? "Jetzt nicht mehr", schreibt einer von ihnen.

Nicht nur die Karriere erleidet einen Knick. Private Besuche, Freundschaften, Kontakte zu Verwandten, zu anderen Paaren und Familien, überhaupt der private Umgang mit "Gesunden" wird immer seltener. Viele Väter empfinden diesen Einschnitt als erzwungenen Verzicht auf ein normales Leben. Freizeit und Hobby, spontane Entschlüsse, Unternehmungen mit der Ehefrau, Konzert- und Kinobesuche oder Urlaubsmöglichkeiten sind oft auf Jahre hinaus "behindert". Mancher Mann fühlt sich da vom Leben ausgesperrt - zurückgelassen, überholt, aussortiert. Keine Frage, dass ein solcher Einschnitt die Eltern in ihrer Persönlichkeit verändert. Doch diese Neu-Orientierung birgt auch Chancen. Die Maßstäbe für das, was im Leben wichtig ist, werden neu gesetzt. Väter behinderter Kinder erleben auch, dass ihnen die Werte der Leistungsgesellschaft fremd und überflüssig werden. Die Väter, die an diesem Buch mitgeschrieben haben, haben vieles gelernt: Sie stellen heute therapeutisches Spielzeug her oder entwickeln Fahrzeuge für Behinderte. Sie arbeiten in der Lebenshilfe oder in der Sonderschulpädagogik, bei Fördervereinen, Selbsthilfegruppen, in der Elternberatung. Da wird Schmerz in positive Energie umgesetzt und aktiv verarbeitet.

Veröffentlicht in: Don Koala (Mitteilungsblatt der Selbsthilfegruppe Glutarazidurie)

Das Buch: Kurt Kallenbach (Hg.), Väter behinderter Kinder. Geschichten aus dem Alltag, rororo Sachbuch 9639, Reinbek 1994

© 2000, 2007 Hans-Jürgen Schaal


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