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1969 spielten sie ihr erstes offizielles Konzert – und es gibt die Band noch heute. Hunderte Musiker gehörten im Lauf der Jahre zu Gong und seinen Ablegern in aller Welt.

Eine verrückte Familie
50 Jahre Gong-Dynastie
(2019)

Von Hans-Jürgen Schaal

Es beginnt mit einer mysteriösen Klang-und-Wort-Collage, spacige Synthesizer-Sounds mischen sich hinein, ein indisch inspirierter Gesang reitet auf einem Fusion-Drone-Beat, ein Sopransaxofon fantasiert dazu. Später folgen diverse Psychosongs à la Syd Barrett, witzige Dinger zwischen infantil und irre, mal von dissonanten Rocksounds begleitet, mal nur von Vibrafon und Marimba. Drogenaffine Klangbilder wechseln mit raffinierten Rockriffs. Ein virtuoses Flötenstück kreuzt ein vielkehliges Trinklied. Jazzige Saxofon-Improvisationen stehen neben einem ironischen Musette-Walzer. Relaxte Jams, abgefahrene Songs, schräge Sounds und sprunghafte Stilwechsel – diese psychospacige Mischung sollte zum Kennzeichen des Gong-Kosmos werden. Mit Angel’s Egg erreicht die Entwicklung der Band im Sommer 1973 einen ersten Höhepunkt, auch wenn sich die Musiker hinter seltsamen Pseudonymen verbergen: Bloomdido Bad De Grasse, Shakti Yoni, Dingo Virgin oder Pierre de Strasbourg. Trotz aller Anarchie und Blödelei kommen das musikalische Niveau und der künstlerische Geschmack nie zu kurz. Eine Musik-Odyssee, die bis heute nichts an Spannung verloren hat.

Die Stammeltern der riesigen Gong-Dynastie hießen Daevid Allen und Gilli Smyth. Er – ein Rockgitarrist aus Australien, der mit 23 Jahren nach London kam und bald danach mit Hugh Hopper und Robert Wyatt die Band Soft Machine gründete. Sie – eine englische Sängerin, Poetin, Performerin, die eigentlich nach Paris gegangen war, um an der ehrwürdigen Sorbonne zu unterrichten. Als Soft Machine auf Europatour durch Frankreich kamen, lernten sich die beiden kennen. Weil Daevid Allen wegen eines Visum-Vergehens damals nicht ins Vereinigte Königreich zurückkehren konnte, stieg er bei Soft Machine aus und gründete zusammen mit Gilli Smyth die Formation Gong. Zwar verließen die beiden Ende der 1970er Jahre vorübergehend die Stammband, haben sie jedoch zehn Jahre später neu ins Leben gerufen. Inzwischen weilen sie nicht mehr unter uns – doch der anarchisch-spleenige Spirit von Gong wird nie mehr aus der Welt verschwinden.

Denn das Langzeit-Projekt Gong wurde über die Jahre hinweg von unzähligen Musikern mitgetragen, mitgeprägt, erweitert und fortgeführt. Unter ihnen waren der Gitarrist Steve Hillage, die Keyboarder Tim Blake und Dave Stewart, die Bläser Didier Malherbe und Theo Travis, die Schlagzeuger Pip Pyle, Pierre Moerlen, Chris Cutler, Bill Bruford, Brian Davison. Von der Formation Gong und ihren wichtigsten Ablegern – Pierre Moerlen’s Gong, Mother Gong, Planet Gong, Gongmaison, New York Gong, Acid Mothers Gong – wurden zusammen mehr als 70 Alben veröffentlicht. Zur größeren „Gong Family“ gehören aber noch Dutzende weiterer Bands auf der ganzen Welt. Daevid Allen hat sie eine Zeit lang bei sogenannten „Gong Family Unconventions“ zusammengeführt.

Noch heute legendär ist die Albumtrilogie „Radio Gnome Invisible“ von 1973/74, die die eigentliche Mythologie vom „Planeten Gong“ begründete. Die drei Alben drehen sich um eine schrille Science-Fiction-Fantasie, die Figuren der Geschichte heißen Zero the Hero, Fred the Fish oder Banana Ananda. Das Album You bildet den krönenden Abschluss der Trilogie. Es enthält Miniaturstücke wie die satirische Hymne „Thoughts For Naught“, den virtuosen Psychosong „A PHP’s Advice“ oder das Dramolett „Perfect Mystery“ – Gong glänzen hier als europäisch-fantastisches Pendant zu Frank Zappa. Der Schwerpunkt des Albums aber liegt auf ausgedehnten Jazzrock-Jams über mitreißenden Rhythmen, natürlich gespickt mit vokalen und instrumentalen Pointen. Zum Schluss gibt es noch eine verrückte 11-Minuten-Montage aus gegensätzlichen Song- und Improvisationsideen.

Nach diesem Album verließ Daevid Allen die Band – die Leitung übernahm Pierre Moerlen, der Schlagzeuger. Er verwandelte Gong in eine instrumentale Fusion-Formation mit einem eigenwilligen, perkussiv geprägten Sound. Vibrafon, Marimba, Glockenspiel, Gongs und allerlei Trommeln (vier Perkussionisten!) gaben nun auch dem Namen „Gong“ einen ganz neuen Sinn. Auf dem großartigen Album Gazeuse! (auch: „Expresso“) von 1976 sind Allan Holdsworth (Gitarren) und Didier Malherbe (Sax, Flöte) die Hauptsolisten im virtuosen Jazzrock-Idiom. Anders klingen die Stücke „Percolations“, das rein perkussiv gespielt ist, und „Mireille“, das komplett ohne Percussion auskommt. Als Daevid Allen 1990 die Kernband von Gong neu begründete, bestand Pierre Moerlen’s Gong parallel dazu weiter – bis zu Moerlens Tod 2005.

© 2019, 2023 Hans-Jürgen Schaal


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