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Humor zeigte er nicht nur bei seinen Bühnenansagen, sondern auch in den „Growls, Schleifern und sprachartigen Effekten“ seines Trompetenspiels. „Wenn Clark spielt, ist es, als werde man mit Herzenswärme umarmt“, sagte der Pianist Benny Green. Der Trompeter Clark Terry kam vor 100 Jahren in St. Louis zur Welt.

Clark Terry
Kobold an der Trompete
(2020)

Von Hans-Jürgen Schaal

Einmal hatte Duke Ellington eine besondere Bitte. Es war das Jahr 1956, und das Ellington-Orchester arbeitete an einer Fernsehproduktion mit dem Titel „A Drum Is A Woman“. Die Idee dahinter war, die Geschichte des Jazz auf fantasievolle Weise neu zu erzählen. Im fünften Stück ging es dabei um Buddy Bolden, den legendären „Vater“ und ersten Kornettisten des Jazz, von dem es leider keine Aufnahmen gibt. „Ich möchte, dass du auf der Trompete Buddy Bolden porträtierst“, sagte Ellington zu Clark Terry. „Du weißt alles, was du über ihn wissen musst. Er hatte ein gutes Leben, die Ladys liebten ihn, er war attraktiv, cool, höflich und smart. Und er hatte einen mächtigen Sound. Wenn er sich in New Orleans warmspielte, konnte man ihn auf der anderen Seite des Flusses hören, und dort in Algiers zerbrachen die Gläser in den Geschirrschränken. Du weißt das alles – und jetzt lass mich hören, wie du dir vorstellst, dass er geklungen haben könnte.“

Ein Jahrzehnt lang (1951-1959) spielte Clark Terry im Orchester von Duke Ellington, aber solche Solo-Features bekam er nicht oft. „Ich hätte gerne mehr Soli gespielt, doch die Älteren hatten bei Ellington ein Vorrecht. Es waren etwa zehn Jungs vor mir an der Reihe.“ Dennoch blieb Terry dem Duke immer dankbar: Alles, was er als Bandleader könne, habe er von Ellington abgeschaut, sagte er einmal. Und überhaupt habe er dank Ellington seinen Karrieredurchbruch gehabt: „Der Duke war es, der effektiv aus mir einen großen Mann machte.“ Sein bekanntestes Trompeten-Glanzstück bei Ellington erhielt Clark Terry 1957 in der Shakespeare-Suite „Such Sweet Thunder“. Im Stück „Up And Down“ porträtiert er Puck, den launischen Kobold aus dem „Sommernachtstraum“. Es ist eine Paraderolle für Terrys Improvisationskunst. Sein Spiel hüpft über die Partitur hinweg, verspielt, humorvoll, unberechenbar, mit vielen expressiven Effekten und „sprechenden“, „stöhnenden“ Tönen. „Clark IST Puck“, schrieb der Kritiker Bill Berry.

Er kann einfach alles

Die Bigbands waren eine Art Heimat für ihn. Schon gleich nach dem Krieg spielte Clark Terry (1920-2015) bei Lionel Hampton, Charlie Barnet und Count Basie – dann holte ihn Ellington. Auch später machte er immer wieder Aufnahmen mit großen Besetzungen, ein halbes Dutzend Alben unter Quincy Jones, ein halbes Dutzend unter Oliver Nelson usw. In den 1960er Jahren gehörte er außerdem zur Band der „Tonight Show“ (damals moderiert von Johnny Carson), bis die Produktion 1972 von New York nach Kalifornien umzog. Terry war überhaupt der erste Afroamerikaner, der einen festen Bandjob in einem US-Fernsehstudio hatte. „Es war eine Art Test“, sagte er später. „Wir Schwarzen mussten Vorbilder sein. Wir durften keinen Fleck auf unserer Hose haben, keine Falte im Anzug, kein unsauberes Hemd.“ Eine Zeitlang leitete er auch sein eigenes Jazzorchester, er nannte es die Big B-A-D Band. Die Zahl seiner Studiojobs und Sideman-Aufnahmen ist kaum überschaubar – Clark Terry gilt als einer der am häufigsten dokumentierten Jazzmusiker. Es heißt, er sei auf mehr als 900 Alben zu hören.

Für viele war Clark Terry der „perfekte“, der „komplette“ Trompeter. Der Komponist Charles Schwartz sagte: „Er kann einfach alles. Er swingt wie verrückt, spielt mit viel Gefühl, wechselt mit großer Leichtigkeit von der Trompete zum Flügelhorn, growlt und benutzt den Dämpfer wie kaum ein anderer – und ist dabei auch noch ein grandioser Sänger.“ Etliche Jazztrompeter verstanden sich als seine Schüler, darunter Miles Davis, Wynton Marsalis, Quincy Jones und Wallace Roney. Für Roneys Ehefrau, die Pianistin Geri Allen, war Terry das historische Bindeglied zwischen Louis Armstrong und Miles Davis. An seinem kraftvollen Trompetenklang und seiner effektvollen Art, die Töne zu setzen – expressiv, witzig, mit einem kleinen „Klagen“ –, erkannte man ihn schon nach wenigen Sekunden. Als Kind bereits hatte er „spezielle Sounds“ erprobt – auf einem Gartenschlauch, seiner ersten „Trompete“. „Es klang furchtbar“, sagte er später selbst. „Irgendwann haben die Nachbarn den Lärm nicht mehr ertragen und kauften mir beim Pfandleiher für sechs Dollar eine richtige Trompete.“

Duette mit sich selbst

Clark Terry beherrschte eine Reihe von Kunststückchen, mit denen er sein Publikum immer wieder verblüffen konnte. Eines davon war die Zirkularatmung, ein anderes seine Fertigkeit, die Trompete umgedreht zu spielen, die Ventile nach unten – er drückte sie dann mit den Fingerknöcheln der linken Hand. Auch konnte er mit der Rechten die Trompete, mit der Linken das Flügelhorn halten und die beiden Instrumente im schnellen Wechsel blasen. „Wenn Clark Phrasen mit sich selbst austauscht, wird es Kunst“, sagte der Kritiker Gene Lees. Auf und neben der Bühne verstand es Clark Terry immer, gute Laune zu verbreiten. Nicht umsonst tragen seine Platten Titel wie „The Happy Horns“, „Positive Swinging“ oder „Having Fun“. Nach dem Konzert konnte er stundenlang Geschichten und Witze erzählen. „Er ist der perfekte Gentleman, und trotzdem bringt er dich sofort zum Lachen“, sagte der Pianist Eric Reed. Sein Klavierkollege John Lewis meinte: „Clark ist einer unserer unterhaltsamsten und witzigsten Entertainer.“

Daher war der Trompeter an Schulen, Colleges und Universitäten immer ein willkommener Gastdozent. Schon in den 1960er Jahren machte es ihm Freude, junge Menschen für den Jazz zu begeistern, sie von der Straße wegzuholen und ihnen Instrumente zu kaufen. Seine Hilfsbereitschaft, auch etablierten Kollegen gegenüber, war sprichwörtlich. Später veranstaltete Clark Terry eigene Festivals und Workshops – der ideale Botschafter des Jazz. Mehr als ein Dutzend Ehrendoktortitel wurden ihm verliehen. Die heutige Jazzausbildung sah er allerdings skeptisch: „Die jungen Leute lernen nicht, ihre Individualität zu benutzen, ihre Gefühle. Alles ist mehr oder weniger technisch. Früher wussten die Musiker nichts von Theorie, Harmonie, Kontrapunkt... aber sie konnten zuhören. Sie spielten die Melodie – und dann lösten sie sich von ihr, benutzten die Melodie dabei als Leitlinie.“

Mumbling along

Zu Clark Terrys humoristischen Einlagen gehörte auch ein eigenwilliger Scat-Gesang, den er „Mumbles“ nannte. Erstmals auf Platte zu hören war er 1964. Als damals bei einem Aufnahmedate mit dem Oscar Peterson Trio noch Studiozeit übrig war, meinte Terry: „Ich würde gerne ein bisschen den Blues singen, so wie die Alten früher in meiner Heimatstadt St. Louis. Sie stellten sich neben das Klavier und fingen irgendetwas zu singen an, aber sie hatten keinen Text, und schon nach wenigen Worten war nichts mehr zu verstehen als Gemurmel. Die Lebensfreude und die Fröhlichkeit zählten. Wie du gesungen hast und worüber – das war egal.“ Seine kleine Parodie auf die alten „Blues-Mümmler“ wollte Terry eigentlich nur spaßeshalber ausprobieren – aber Oscar Peterson, der Bandleader im Studio, lag nach zwei Minuten vor Lachen auf dem Boden. Er sagte: „Das muss mit aufs Album.“ Terry sagte: „Es gibt auch eine langsame Version.“ Peterson: „Die muss auch mit aufs Album.“ Die beiden Stücke hießen dann „Mumbles“ und „The Incoherent Blues“. Auf vielen Platten und in unzähligen Konzerten hat Terry seine Mumbles-Einlagen später variiert und verfeinert.

Der Kritiker Gene Lees schrieb einmal: „Ich kenne keinen Solisten, der so markant individuell wäre wie er.“ Clark Terrys Spielweise lag quer zu den üblichen Stil-Kategorien. Louis Armstrongs Humor, Dizzy Gillespies Technik, Cootie Williams’ Dämpfer-Tricks – er braute daraus eine frappierende, packende, enorm unterhaltsame Mixtur. „Innerhalb von fünf Sekunden weißt du, dass es Clark Terry ist“, sagte der Komponist Ed Bland. Was seine musikalischen Partner angeht, gab es für Terry keine stilistischen Grenzen. Er machte Platten mit Swingmusikern und Hardboppern, mit Cool-Jazzern und Free-Jazzern – und war der Star zweier „Jazz Symphonies“ (1976/79). Nachdem er 1957 einmal auch bei Thelonious Monk ausgeholfen hatte, konnte er den eigenwilligen Pianisten sogar als Sideman für eine eigene Plattenaufnahme gewinnen. „In Orbit“ wurde zugleich eines der ersten Jazzalben mit einem Flügelhorn als Führungsinstrument. Einer von vielen Meilensteinen, die Clark Terry setzte.

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CD-Tipps:
Duke With A Difference (Riverside, 1957)
In Orbit (Riverside, 1958)
Color Changes (Candid, 1960)
Oscar Peterson Trio Plus One (Mercury, 1964)
Oscar Peterson & Clark Terry (Pablo, 1975)
Memories Of Duke (Pablo, 1980)

© 2020, 2023 Hans-Jürgen Schaal


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