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„Das Stück beginnt sanft und in einem Tempo, bei dem die Ellington-Fans gleich wissen: Jetzt kommt Paul Gonsalves“, schrieb der Kritiker Irving Townsend. Das typische Gonsalves-Feature: ein schneller, sich steigernder Jump-Blues.

Der Held von Newport
Zum 100. Geburtstag des Tenorsaxofonisten Paul Gonsalves
(2020)

Von Hans-Jürgen Schaal

Als der Bandleader Duke Ellington einmal nach seinem Alter gefragt wurde, antwortete er mit einem Grinsen: „Ich bin mir nicht mehr sicher, denn ich wurde in Newport neu geboren.“ Der Auftritt des Ellington-Orchesters beim Newport Jazz Festival 1956 unter freiem Himmel führte zum großen Comeback einer schon totgesagten Band. Erst weit nach Mitternacht, nach mehreren modernen, kühlen Westcoast-Ensembles, hatte das legendäre Ellington-Orchester die Festivalbühne betreten. Teile des Publikums waren schon beim Abwandern, aber Ellington riss sie zurück in seinen Bann. Eigens für diesen Auftritt hatte er zusammen mit Billy Strayhorn eine neue Suite komponiert, die „Newport Jazz Festival Suite“. Außerdem gab es mit „Jeep’s Blues“ ein Glanzstück für den Altsaxofonisten Johnny Hodges, den heimgekehrten „verlorenen Sohn“. Aber zum eigentlichen Helden von Newport wurde Paul Gonsalves, der Mann am Tenor. Wie einen letzten Trumpf zog Ellington ihn aus dem Ärmel: „Du gehst jetzt raus und spielst so lange, wie du willst“, sagte er zu ihm.

Paul Gonsalves’ Feature war ein altes Arrangement von 1937, mit dem schon sein Vor-Vorgänger auf dem Tenorstuhl, der große Ben Webster, geglänzt hatte: „Diminuendo And Crescendo In Blue“. Das Herzstück dieser Nummer: ein Tenorsolo über einen schnellen Blues – wild, leidenschaftlich, sich steigernd, ein langsames Crescendo. Genau so hatten die Jump- und R&B-Saxofonisten um 1940 die Leute zur Ekstase getrieben. Auf der Bühne von Newport ging Paul Gonsalves vor zum Mikrofon und spielte wie um sein Leben. „Die Menge wurde zu einem einzigen enormen, lebendigen Organismus, der in Wellen auf die Musik reagierte“, schreibt der Produzent George Avakian. 27 Chorusse lang tobte und galoppierte das Tenorsaxofon – man kann die Strophen mitzählen auf dem Album „Ellington At Newport“. Der Kritiker Stanley Dance erinnert sich: „Paul hatte keine Ahnung, wie lange er gespielt hatte, aber er freute sich über die Reaktion des Publikums und noch mehr, als [der Altsaxofonist] Paul Desmond zu ihm sagte: ‚Was du gespielt hast, war das ehrlichste Statement an diesem Abend.‘“

Einmal Bigband, immer Bigband

Als der Swing-Boom losbrach, 1935, war Paul Gonsalves gerade 15 Jahre alt. Kein Wunder, dass ihn die Bigbandmusik mit aller Macht packte und nie mehr losließ. Sein Vater hatte ein Einsehen und kaufte ihm ein gebrauchtes Saxofon für 50 Dollar. Ein Lehrer vom Konservatorium in Boston gab dem Jungen Privatstunden und verlangte kaum etwas dafür. „Er ermahnte mich allerdings, einen guten Ton zu entwickeln. Deshalb wurden Coleman Hawkins, Don Byas und Ben Webster meine Vorbilder.“

Nach dem Militärdienst im Weltkrieg wurde Gonsalves 1947 von Count Basie engagiert – es war sein erster Job bei einer prominenten Bigband. Zwei Jahre später hat ihn Dizzy Gillespie, der Pionier des Modern Jazz, für sein Bebop-Orchester abgeworben. „Ich verstehe mich zwar nicht als modernen Jazzmusiker“, sagte Gonsalves, „aber wenn Dizzy in meinem Spiel etwas Besonderes hört, dann sollte ich seinem Ruf doch besser folgen.“ Doch Gillespie geriet – wie nahezu alle Bigband-Leiter – um 1950 in finanzielle Probleme. Er musste sein Orchester auflösen.

Daraufhin kam Gonsalves zu Duke Ellington – und bei ihm blieb er bis zu seinem Lebensende. Seine Schwester sagte einmal: „Alles, was Paul jemals wollte, war: Saxofon spielen und sich die Welt anschauen.“ In der Ellington-Band erfüllten sich diese beiden Wünsche auf ideale Weise. Im Auftrag des US-Außenministeriums reiste das Ellington-Orchester ab 1963 sogar nach Asien, Afrika, Lateinamerika und in die Sowjetunion. Davon angeregt entstanden damals Alben wie „Far East Suite“, „Afro-Eurasian Eclipse“ und „Latin American Suite“. Paul Gonsalves ist auf ihnen einer der wichtigsten Solisten, nachzuhören in Stücken wie „Oclupaca“, „True“ oder „Mount Harissa“.

Ellington vertraute der Vielseitigkeit seines langjährigen Tenoristen so sehr, dass er 1962 einmal eine ganze Plattensession spontan zum Paul-Gonsalves-Feature machte. Die Aufnahmen waren nach vier Stunden fertig: „Was ich kann, weiß der Duke manchmal besser als ich“, sagte Gonsalves. Das Album erschien dann unter dem Titel „Duke Ellington And His Orchestra Featuring Paul Gonsalves“. Sechs der acht Stücke sind schnelle oder halbschnelle Blues-Nummern – so wie damals in Newport.

Immer wieder: Crescendo

Die 27 Chorusse von Newport wurden zur Legende und bestimmten Paul Gonsalves’ Ruf und Image als „Marathon-Saxofonist“. Wenn es darum geht, „ein langes Solo kreativ durchzustehen“, so war er „in den Ellington-Annalen ohne Konkurrenz“, schreibt der Journalist Neil Tesser. Bei fast jedem Auftritt der Ellington-Band musste Gonsalves, den sie „Tex“ nannten, sein Heldenstück wiederholen. „Die Leute erwarteten jedes Mal ein richtig langes Solo von mir. Der Höhepunkt kommt manchmal nach fünf Chorussen und manchmal nach zehn. Und wenn du danach zu lange weitermachst, machst du alles wieder kaputt. An manchen Abenden fließen die Ideen, aber manchmal fließen sie eben auch nicht. Einmal kam ein Typ zu mir und sagte: ‚Ich wette, du kannst heute nicht so lange spielen wie auf der Newport-Platte.‘ Also spielte ich an dem Abend gleich doppelt so lang, nämlich 66 Chorusse!“

Der Erfolg von Newport wurde auch zum Startschuss für eine eigene Karriere neben der Ellington-Band. Gleich im Folgejahr 1957 entstand Paul Gonsalves’ Debütalbum unter eigenem Namen, und natürlich nahm es vielfach Bezug auf das kochend heiße Bluessolo beim Freiluft-Festival. Die Platte selbst hieß „Cookin’“, der erste Blues darauf „Festival“ – und dann kamen noch ein paar weitere Bluesstücke. Das zweite Album (1958) wurde sogar von einer Neufassung des Newport-Stücks „Diminuendo And Crescendo In Blue“ eröffnet. Rund 25 Platten machte Gonsalves als Bandleader oder Co-Leader und entfernte sich dabei nie allzu weit vom Ellington-Kosmos. Ellingtons Stücke und Ellingtons Musiker sind praktisch auf jeder seiner Platten mit dabei.

Der heimliche Modernist

Aber Paul Gonsalves war mehr als nur ein heißer Blues-Spieler. Viele fanden sogar, seine eigentliche Domäne seien langsame, lyrische Balladen, in denen sein Tenorspiel eine gehauchte Sanftheit und experimentelle Gebrochenheit bekam. Dizzy Gillespie, der Bebop-Trompeter, erinnerte sich nach dem Newport-Erfolg wieder an diesen Saxofonisten mit der ganz individuellen Note und holte Gonsalves 1957 zu einer Bebop-All-Star-Session ins Studio. Nicht nur Gillespie hörte in Gonsalves’ Spiel einen besonderen Tonfall, eine elegante Progressivität, eine intellektuelle Zerbrechlichkeit, vielleicht auch einen exotischen Anklang – als Kind hatte Gonsalves kapverdische Volksmusik auf der Gitarre gespielt.

Sogar eine Ankündigung der Freejazz-Wagnisse eines John Coltrane oder Eric Dolphy wollen manche bei Gonsalves herausspüren. Auch der Avantgarde-Saxofonist David Murray, der im Jahr des Newport-Auftritts noch ein Baby war, verehrt Paul Gonsalves. 1991 hat er ihm ein fast 20-minütiges Bigbandstück gewidmet – natürlich auf der Basis des großen Newport-Solos.

Ob Modernist oder Traditionalist: Paul Gonsalves überrascht abwechselnd mit Robustheit und mit Sensibilität. Mit Nat Adderley und Wynton Kelly machte er einmal ein erdiges Hardbop-Album (1960) – aber er machte auch vergnügte Swingcombo-Aufnahmen mit Earl Hines (1970), dem einstigen Weggefährten von Louis Armstrong. Für eine Cool-Jazz-Platte von John Lewis lieferte er eine exquisite Interpretation von „Body And Soul“ (1960) – aber er traf sich auch bei mancher Studiosession zum Saxofon-Duell, etwa mit Harold Ashby, Eddie „Lockjaw“ Davis, Tubby Hayes, Paul Quinichette und Sonny Stitt.

Der Duke wusste, dass Paul Gonsalves der Mann für alle Fälle war, gerade für die heiklen und schwierigen. Als der Saxofonist am 15. Mai 1974 starb, hat man es Ellington verschwiegen – der Duke war selbst schon gesundheitlich stark angegriffen. Er starb nur neun Tage nach Gonsalves – dem dauerhaftesten Tenorspieler, den das Ellington-Orchester je hatte.

© 2020, 2023 Hans-Jürgen Schaal


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