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Falls es so etwas gibt wie ein „Prinzip Jazz“ – das Prinzip der spielerischen, unangestrengten, permanenten Umdeutung von musikalischem Material –, dann verkörpert niemand es besser und konsequenter als die Klavier-Künstlerin Aki Takase.

Aki Takase
Kochen mit Sake
(2013)

Von Hans-Jürgen Schaal

Wild-ekstatische Staccato-Ausbrüche wechseln mit sanft in die Tasten gestreichelten Impressionismen. Melodien geraten ins Stolpern, kippen nach hinten weg, werden in ihre Einzelteile zerlegt. Die Fragmente rappeln sich wieder auf, verbinden sich zu neuen Sinnmustern, verdichten sich in mehrstimmigen Strukturen, widerspenstigen Clustern, futuristischen Rhythmen. Dann wieder huschen seltsam vertraute Tonfolgen vorbei, alte Schlager, uralte Jazzstandards, Blues, Tangos. Nichts ist für immer, alles trägt in sich den Keim für plötzliche Überraschungen, witzige Umschwünge und temperamentvolle Gegensätze. Da suchen sich zwölftönerische Abenteuer einen holprigen Stride-Stil, bizarr-perkussive Monkismen verwandeln sich in polytonale Fantasien. Es ist eine Musik, „in der Swing, Coltrane-Klänge, Bebop, Freejazz wild durcheinandergewirbelt werden“, wie ein Kritiker schrieb, um zuweilen sogar in „Zirkusmusik“ und „Harlem-Tingeltangel“ zu münden. Denn: „Wo ich bin, da ist alles“, sagt Aki Takase.

Von Tokyo nach Berlin

Dass sie einmal im Jazz landen würde, hat man der Japanerin nicht an der Wiege gesungen. Zum Klavier allerdings kam sie früh: Mit drei Jahren bereits erhielt Aki Takase durch ihre Mutter Unterricht an den Tasten. Später am Konservatorium „Tohu Gakuen“ machte sie das Klavier zu ihrem Hauptfach. Dass es sie dann nicht ins Klassikgeschäft verschlug, daran waren die damals modischen Jazzcafés von Tokyo schuld, wo ständig Platten von Coltrane oder Monk liefen. „Durch eine Schulfreundin habe ich Jazz kennengelernt“, verrät die Pianistin. „Damals war Jazz unter Frauen sehr ungewöhnlich: angeblich eine gefährliche, verlockende Musik. Deshalb fand ich es sehr interessant! Als Jazzanfängerin konnte ich immer mit Jungs zusammen spielen, sie haben mir Mut gemacht. Jazz war wie ein Anregungsmittel. Fast jeden Abend haben wir viele Schallplatten gehört, Mingus, Ayler, Miles... Für die Jungs, mit denen ich spielte, habe ich auch oft gekocht.“

Nicht nur mit japanischen Jazzmusikern sammelte die junge Pianistin Erfahrungen: Schon 1976 ging sie zum ersten Mal in die USA. Fünf Jahre später kam sie auch erstmals nach Berlin (West), um mit ihrem Trio beim Berliner JazzFest aufzutreten. Der damalige Festivalleiter George Gruntz und der Japan-Experte und Plattenproduzent Horst Weber (beide sind vor kurzem verstorben) waren dabei die treibenden Kräfte. Als Aki Takase später beschloss, für einige Zeit in Europa zu leben, entschied sie sich deshalb für Berlin. Ihr Vater, ein Bankdirektor mit einer Schwäche für deutsche Literatur, befürwortete diese Wahl. Falls er allerdings gehofft hatte, seine Tochter würde im ehrwürdigen Deutschland ein wenig vom „gefährlichen“ Jazz abgelenkt, so täuschte er sich. Sehr schnell entwickelte sie sich zu einem quirligen, heftigen Aktivposten der abenteuerfreudigen Berliner Jazzszene. Und deren Innovationskraft legte ab 1990 noch einmal kräftig zu: „Nach der Maueröffnung sind viele Musiker nach Berlin umgezogen wie Rudi Mahall oder Axel Dörner“, erklärt Aki Takase. „In Amerika ist alles noch viel mehr vom Business bestimmt. In Berlin gibt es bessere Bedingungen für experimentelle Musik und progressiven Jazz.“

Explosive Kreativität

Solo-Auftritte, Trios mit Bass und Schlagzeug, Duo-Alben mit Bassisten oder die Mitwirkung beim Berlin Contemporary Jazz Orchestra: Schon in ihren Berliner Anfängen hatte Aki Takase immer eine Vielzahl von Projekten nebeneinander laufen. Der Versuch, als Beobachter und Hörer über die Jahre hinweg mit ihrer explosiven, unbändigen Kreativität Schritt zu halten, ist deshalb ziemlich aussichtslos. Allein rund 50 Alben hat sie bis heute als Solistin, Bandleaderin oder Ko-Leaderin veröffentlicht. Nicht weniger als acht davon erhielten den Preis der deutschen Schallplattenkritik: zwei Solo-Alben, vier Duett-Alben, ein Quintett- und ein Sextettalbum. Auch Aufnahmen mit Streicher-Ensembles gab es: „Close-up Of Japan“ (1992) und „Tarantella“ (2006).

Besonders Duo-Projekte ziehen sich wie ein roter Faden durch Aki Takases Karriere. Kein Wunder, denn das improvisierende Duo ist die Idealbesetzung für eine Pianistin wie sie: Hier kann sie abwechselnd solieren oder begleiten, agieren oder reagieren, Ideen aufgreifen oder ins Spiel bringen, musikalische Stimmungen und Stilistiken ausbauen, umdeuten, ins Gegenteil verkehren. Gerade in der direkten, spontanen Auseinandersetzung mit einem Duo-Partner zündet die Pianistin Aki Takase ein beispielloses Feuerwerk an klassischer und Jazztechnik, an virtuosen Einfällen und rhythmischen Bizarrerien.

Schon in den Achtzigerjahren sorgte ihr Duo mit der portugiesischen Jazzsängerin Maria João für einiges Aufsehen. Der Journalist Dieter Speck beschrieb Aki Takase damals als die denkbar beste musikalische Partnerin: „Aki behält dabei völlig ihre Integrität. Sie findet all den Raum, um ihre eigenen Gefühle auszuspielen. Ihre starke linke Hand, ihre atemberaubend schnellen Basslinien, die avantgardesken Ansätze in der Rechten, die kombinierten Linien beider Hände in plötzlichen Bebop-Fragmenten brachten das Publikum buchstäblich zum Toben.“ Das war also vor 25 Jahren schon so.

Aki Takase hatte viele Duett-Partner, zum Beispiel die Saxofonisten Günther Klatt und David Murray, die Posaunisten George Lewis und Conny Bauer, den Klarinettisten Louis Sclavis, die Bassisten Nobuyoshi Ino und Yoshio Ikeda, den Schlagzeuger Han Bennink, die Sängerin Lauren Newton, die Pianistin Haruna Tawada, die Tänzerin Yui Kawaguchi, die Performance-Künstlerin Chiharu Shiota. Auch mit Rudi Mahall, dem mutwilligen Bassklarinettisten, streunt sie regelmäßig im Duo durch die Jazzgeschichte, humorvoll, kapriziös und unberechenbar, dabei zwischen Oldtime und Avantgarde pendelnd und oft das eine ins andere übersetzend und umgekehrt. Im Duo mit der Saxofonistin und Klarinettistin Silke Eberhard hat sie gar eine Doppel-CD mit 32 Werken des Freejazz-Pioniers Ornette Coleman aufgenommen, die man zweifellos noch nie so gehört hat: frech arrangiert, selbstbewusst umgedeutet, dabei nach allen stilistischen Richtungen offen.

Ein spezielles Duo unterhält die Pianistin mit der japanischen Philologin und Dichterin Yoko Tawada, die in ihren japanisch-deutschen Texten ähnlich fantasievoll und kaleidoskopisch zu Werke geht wie Aki Takase am Klavier. Überraschenderweise scheint die große Klavier-Improvisatorin ausgerechnet beim Duo mit der Lyrikerin vom Blatt zu spielen – allerdings nicht von Noten: Vor ihr liegen nämlich Tawadas Texte, von denen sie sich schon vorausblickend inspirieren lässt. Die beiden werfen sich dann die Worte und Töne zu, kommentieren und verfremden einander, zergliedern wechselseitig die Zusammenhänge und stellen sie auf den Kopf. „Mit Yoko Tawada arbeite ich schon fast 14 Jahre zusammen“, erzählt Aki Takase, „und ich bin immer noch von ihrer Produktivität und Originalität fasziniert. Ich werde von ihrer Literatur sehr beeinflusst. Es kommt vor, dass ich etwas aus ihren Worten in meine Musik übertragen oder transformieren möchte. Die Verwandlung ist sehr interessant. Genau so funktioniert Jazz – und ist immer zeitlose, lustvolle Musik für mich.“

Eine Pianisten-Ehe

Auch mit dem Berliner Jazzpianisten Alexander von Schlippenbach bildet Aki Takase eine ganz besondere Duo-Konstellation, die nicht nur musikalische Facetten besitzt: Die beiden sind nämlich seit langem auch privat ein Gespann. Schon in Aki Takases frühester Zeit in Berlin fanden sie zusammen, menschlich und künstlerisch – und das, obwohl Schlippenbach – der „Vater des deutschen Freejazz“ – in der Szene längst ein legendärer Name war, als die „Newcomerin“ Aki Takase nach Deutschland kam. Pianistisch und kompositorisch ergänzen sich die beiden auf frappierende Weise. Beide lieben sie den unverschämt fantasievollen Umgang mit traditionellen Stilistiken, das überraschend Verwinkelte, raffiniert Widerborstige, spontan Strukturierte. Vor allem der kantige Tonfall des Jazzpianisten Thelonious Monk schimmert da immer wieder durch – bei Schlippenbach härter, spartanischer, zerebraler, bei Takase verspielter, virtuoser, lustvoller.

Die Pianistin erläutert solche Unterschiede allerdings lieber am Beispiel ihrer jeweiligen Kochkünste: „Wenn ich koche, füge ich weniger Salz hinzu, mehr japanischen Sake. Alex dagegen nimmt immer ziemlich viel Salz und Pfeffer.“ Über den häuslichen Alltag der transkontinentalen Pianisten-Ehe verriet der Ehemann vor einigen Jahren Folgendes: „Wir haben in der Wohnung ein isoliertes Studio mit Flügel und noch zwei weitere Klaviere. Jeder hat hier jederzeit die Möglichkeit zu spielen – sogar nachts, weil wir einen elektrischen Flügel haben, den man mit Kopfhörer spielen kann. Unsere Nachbarn haben sich daran gewöhnt.“ Es heißt, Aki Takase bevorzuge tatsächlich die Nachtstunden zum Spielen, während ihr Mann ein notorischer Frühaufsteher sein soll.

Muntere Wasserpumpe

Aki Takase kennt als Improvisatorin keine Grenzen – und gleichzeitig scheint in jedem ihrer Finger die ganze Jazzgeschichte (und nicht nur die) zu stecken. Thelonious Monk, Eric Dolphy, Ornette Coleman, Carla Bley, Duke Ellington: Sie bilden Angelpunkte im Repertoire und grüßen auch in Aki Takases spontanen Erfindungen immer wieder wie von ferne. Die „Grande Dame des in der Tradition fundierten und der Freiheit aufgeschlossenen Jazzpianos“, so nannte der Journalist Bert Noglik die Wahl-Berlinerin. Niemand improvisiert die Gratwanderung zwischen Tonalität und Atonalität, zwischen Tradition und Freiheit, zwischen Nostalgie und Kakophonie mit so viel virtuosem Charme, so viel sprudelndem Temperament und so viel scheinbarer Leichtigkeit wie Aki Takase. Die Pianistin zitiert dazu aus einem Text ihrer Duo-Partnerin Yoko Tawada: „Traurigkeit gibt es nicht, wir funktionieren munter wie Wasserpumpen.“ Und ergänzt: „Ich bin einfach Optimistin. Humor: ja! Aber ich bin in der Musik niemals ironisch.“

Seit einigen Jahren begeistert Aki Takase auch mit Rückgriffen auf den frühesten Jazz – meist im Quintett oder Sextett mit zwei Bläsern und Gitarre. Denn auch Fats Waller, W.C. Handy, Jelly Roll Morton und der Blues eignen sich für die fröhliche Projektion ins Freie und Vielfältige, für die Übersetzung in ganz unterschiedliche Ausdrucksformen zwischen Slapstick, Swing und Neuer Musik. „Jazz ist ja gerade nichts Gestriges“, erklärt Aki Takase ihren frischen, explosiven Zugang zur Jazzhistorie. „Man kann auch in älteren Stilen gut und aufregend spielen. Jazz ist immer ganz aktuell, ganz neu, grenzenlos.“

Ein Kritiker schrieb einmal über ihr Fats-Waller-Projekt: „Sie transportiert Fats Waller in eine Zeit, in der alles möglich ist – oder zumindest alles, was in Akis riesigem Garten blüht.“ Wenn es für diese blühende Vielfalt der Stile und Mittel überhaupt ein Vorbild geben sollte, dann wohl den Jazzmusiker Charles Mingus. „Wenn ich gefragt werde, mit welcher Jazzlegende ich spielen möchte, würde ich sofort ‚Charles Mingus‘ sagen“, bestätigt Aki Takase. „In seiner Musik gibt es starke Wechsel von Ideen, Rhythmen, Tempi und Ausdruck. Eines Tages vielleicht bringe ich seine Musik in meinen eigenen Arrangements.“

© 2013, 2018 Hans-Jürgen Schaal


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