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Der Mastermind von The Mars Volta arbeitet wie besessen. Im Spannungsfeld zwischen Rock, Punk, Jazz und Latin generiert er Gitarren-Jams als Psychotrips – immer mit Herzrasen, immer frenetisch, immer am Rande zum Wahnsinn.

Erhöhte Alarmbereitschaft
Drei Solo-Alben von Omar Rodriguez Lopez
(2013)

Von Hans-Jürgen Schaal

Melodien schreibt er nicht so gerne. Das überlässt er meistens den Sängern – zum Beispiel Cedric Bixler Zavala, seinem alten Kumpel, mit dem zusammen er zwölf Jahre lang die Band The Mars Volta leitete. Eine Band irgendwo zwischen ProgRock, Psycho-Jam, Latin-Fusion-Jazz und Artcore-Punk. Eine Band, die anfangs vor allem die Kritiker begeisterte („Album of the Year“) und später sogar einmal einen Grammy erhielt („Best Hard Rock Performance“). Anfang 2013, nach sechs Studioalben, hat Bixler Zavala die Auflösung von The Mars Volta verkündet. Der Grund: Omar Rodriguez Lopez, der musikalische Mastermind, hat einfach keine Zeit mehr dafür. Hat zu viel anderes zu tun. Leitet nämlich nicht nur eine neue Band, Bosnian Rainbows, sondern macht jetzt auch Filme, als Regisseur, Schauspieler, Produzent, und arbeitet wahrscheinlich gleichzeitig noch an einer Handvoll neuer Solo-Alben. Denn mehr als 30 Solo-Alben waren es allein schon in den letzten zehn Jahren. Dieser Mann ist ein Workaholic, ein manischer Studiofrickler, ein Gitarrenfreak, ein Kreativitätsjunkie, ein Soundgigantomane, ein Groove-Jam-Verrückter. Vielleicht auch ein Genie.

Nur Melodien schreibt er eben nicht so gerne. Dafür alles andere drum herum. Omar Rodriguez Lopez liefert die Harmonien, die Rhythmen, die Begleitmotive, die Ostinati, die Vamps, die Sounds, die Elektronik, die Samples, die Synthesizer, die Percussion. Und vor allem die Gitarren natürlich. Viele Gitarren. Der Wuschelkopf und Brillenträger aus El Paso ist Linkshänder. So wie Jimi Hendrix, Mark Knopfler, Tony Iommi. Er hat von allen dreien etwas, wenn er Gitarre spielt. Und ebenso von Zappa, Santana, McLaughlin oder wem auch immer. Er ist 100 Gitarristen in einem – und manchmal glaubt man alle diese 100 Gitarristen gleichzeitig zu hören. Gebirge von Gitarren. Gitarren-Jams. Gitarren-Fluten. Wo schon drei Gitarren sind, passt immer noch eine vierte rein. Und dann scheinen sie alle gleichzeitig zu solieren, wild, frenetisch, virtuos. Ein Psycho-Trip zwischen Latin Rock und Jazz-Funk. Notfalls, wenn er nicht alles selbst machen will, holt er John Frusciante ins Studio, den langjährigen Peppers-Gitarristen und Mars-Volta-Mitstreiter.

Auch das Album Se Dice Bisonte, No Bùfalo (aufgenommen 2005) klingt zuweilen nach The Mars Volta. Das liegt natürlich an der Mitwirkung des MV-Sängers Cedric Bixler Zavala, der auf einigen der Stücke seine typischen Melodiemuster einbringt, die einem durch Mark und Bein gehen können. In „Rapid Fire Tollbooth“ hat ihm Rodriguez Lopez eine Art Bluesrock-Vamp unterlegt, im Titelstück sogar ein angejazztes Ostinato-Motiv. Diese Nummer wechselt zwischen ruhigen Passagen mit Klavier und Elektronik und hymnischen Aufbrüchen mit Stimme und Gitarren, danach liefert Rodriguez Lopez an seiner Ibanez noch eine entspannt jazzrockige Coda. Überhaupt, diese Gitarre: Unser texanischer Genius versteht es, schon mit den ersten Tönen Herzenskometen zu zünden, die einem Carlos Santana alle Ehre machen würden. Doch auf diesem Level bleibt er nie lange: Was gefühlvoll melancholisch beginnt, wird schnell zum überwältigenden Gewittersturm, frenetisch, gigantisch, drogenaffin. Was da alles in den überdrehten, verzerrten Mix gerührt ist – Gitarren, Keyboards, Samples, Bläser –, man will es gar nicht wissen. Aber der Groove bläst einen verlässlich weg. Das funktioniert bei Omar Rodriguez Lopez in vielen Varianten, mal punkig, mal jazzig, mal Latin. Im kurzen „Luxury Of Infancy“ (Omar allein) verschmutzt der Gitarrenton immer mehr und spaltet sich in Echos auf; in „Thermometer“ (Omar allein) krönt der Gitarren-Trip ein experimentelles Klangbild aus Elektronik und Samples; in „If Gravity Lulls“ (nur Gitarren und Perkussion) reitet die Gitarre kreischend auf einem Latin-Rhythmus. Das längste Stück des Albums, „Please Heat This Eventually“, bietet sogar eine virtuose elfminütige Jazzrock-Jam: Orgel, Gitarre, Saxophon scheinen ständig zu solieren. Purer Kifferstoff.

Das Quintett dieser Jam verantwortete auch das Album The Apocalypse Inside Of An Orange (2008). Dort steht sogar auf dem Cover: Omar Rodriguez Lopez Quintet. Das Wort „Quintet“ klingt irgendwie nach Jazz – und damit liegt man hier nicht ganz falsch. Es ist allerdings „Jazz“ von der psychedelischen Sorte: mit viel Seventies-Vibes darin und Fusion-Beimischungen in der Art von Tony Williams’ Lifetime, Frank Zappa oder Santana. Sogar richtige Themen gibt es hier, meist modaler Natur, griffige Moodsetter. Das Spektrum der Stücke reicht von frickelig-funkigen Jazzrock-Rhythmen („Melting Chariots“), einem 18-minütigen Fusion-Trip („Jacob Van Lennepkade II“) und einem 11-minütigen Elektro-Freejazz-Abenteuer (das Titelstück, diesmal ganz ohne Groove) bis hin zu relativ ausgeruhten Latin-Rock-Jams mit warmer Leadgitarre und feinen Bläsersoli. Aber selbst diese entspanntesten Nummern – „Spared From The Insult List“ und „Coma Pony“ – bieten kein Easy Listening. Dicht überlagern sich motivische Figuren und solistische Ausflüge, elektronische Effekte sorgen für Irritation, die Trommeln lassen keine Lücke, die Gitarre lotet virtuos die Chromatik aus, vervielfältigt sich auch, das Soundgebäude schwillt an. Bei Omar Rodriguez Lopez herrscht immer mindestens DEFCON 2, erhöhte Alarmbereitschaft, die Adrenalinpumpe schuftet. Studiozaubereien und Playbacks sind dafür fast nicht nötig, jedenfalls bei diesem Quintett nicht: Money Mark Ramos Nishita heißt der Keyboarder, Adrian Terrazas Gonzales ist der Bläser, Juan Alderete de la Peña spielt den Bass, Omars Bruder Marcel Rodriguez Lopez die Drums und natürlich ORL persönlich die Gitarre. Vier der fünf waren tragende Kräfte bei The Mars Volta.

Auch die sieben Musiker auf Old Money“ (2009) sind durchweg Mars-Volta-Aktivisten, aber sie spielen hier nie alle zusammen. Die Besetzungen reichen vom Solo bis zum Quintett, den Rest erledigte ORL per Studiotechnik. Cedric Bixler Zavala zum Beispiel darf nur in einem Stück ran – und dies nicht etwa als Sänger, sondern am Schlagzeug. ORL selbst spielt neben seinen Gitarren auch Synthesizer, Wurlitzer-Piano und andere Keyboards, außerdem Bass und sogar das Theremin. Von seinen Mitstreitern verlangt er eine ähnliche Vielseitigkeit: Sein Bruder Marcel übernimmt neben Schlagzeug und Perkussion noch Synthesizer, Clavinet und weitere Keyboards. Und gleich das erste Stück („The Power Of Myth“) beginnt auf hoher Alarmstufe: eine Jazzrock-Nummer im 6/4-Takt, überbaut von einem Himalaya aus Gitarren und Keyboards und mit eingestreuten, dynamisch reduzierten Improvisations-Episoden. Das ist der Grundton fürs Album: Fusion-Groove, heulende Gitarren und Synthesizer und dröhnende Soundgebirge, die zuweilen in kakophone Collagen umkippen. Am sanftesten beginnt „Private Fortunes“, anfangs nur mit Latin Percussion, akustischer Gitarre und String-Synthesizer. Dagegen lässt „Trilateral Commission“ schon gleich zu Beginn Eskalationen erahnen, die in einer Freejazz-Elektronik-Kaskade enden werden. Im abschließenden Titelstück „Old Money“ umspielen sich Gitarre und Keyboards drei Minuten lang, ehe der Rhythmus einsetzt und eine sechsminütige Gitarren-Jam startet. Wunderbare Klanggärten, eingepackt in monumentale Architektur. Da spricht das Herz zum Kopf und der Kopf zum Herzen. Und zwar ziemlich laut.

© 2013, 2018 Hans-Jürgen Schaal


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