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Der korpulente Mann war berühmt für seinen Humor, seine Grimassen, seine anzüglichen Clownerien. Wenn er eine Party betrat, stieg der Stimmungs-Pegel um etliche Heiterkeits-Watt. Schon nach fünf Minuten hielten sich alle den Bauch vor Lachen. Diese Lebensfreude spürt man auch in seiner Musik: Noch heute zaubert der Name Fats Waller ein Lächeln auf die Gesichter aller Jazzkenner. Eine Danksagung zu Fats Wallers 100. Geburtstag am 21. Mai 2004.

Fats Waller
Meisterwerke für 10 Dollar
(2004)

Von Hans-Jürgen Schaal

Fats Waller war immer freundlich zu seinen Mitmenschen und lud sie gerne zum Essen oder Trinken ein. Sogar mit schlechten Musikern zeigte er Geduld. Berühmt ist die Anekdote, als er bei einer Jam Session einem verzweifelten Einsteiger launig zurief: „In welcher Tonart kämpfst du eigentlich? Blättere doch mal auf die nächste Seite!“ Sein spontaner Witz kannte keine Pausen. Das Publikum liebte den umwerfenden Entertainer und komischen Sänger und vergaß darüber leicht die anderen Aspekte seiner Kunst. In den Worten des Jazzbassisten Bill Crow: „Fats Waller war nicht bereit, seinen Sinn für ausgelassenen Humor zu unterdrücken, nur weil er zufällig einer der besten Jazzpianisten im Raum New York war.“

Zur Musik kam er durchs fromme Elternhaus: Der Vater war Prediger an der Abyssinian Baptist Church in Harlem, die Mutter Kirchenorganistin. Der kleine Thomas spielte schon mit 6 Jahren das Harmonium und wurde mit 15 Hausorganist am Lincoln Theatre in der 135. Straße. Ein Jahr später starb seine Mutter. Fats – eines der älteren und schon selbstständigen der 12 Waller-Kinder – lebte von da an im Haushalt des Pianisten Russell Brooks. Über diesen wiederum kam er in Kontakt mit dem Jazzpianisten James P. Johnson und ging der Kirchenmusik für immer verloren. Johnson erkannte sofort das Talent des Teenagers, nahm ihn unter seine Fittiche und ließ ihn seine linke Hand trainieren. Täglich besuchte der Junge von nun an den Jazzpianisten, ballerte bis in die Morgenstunden auf dessen Klavier herum und trottete ihm hinterher, wenn Johnson zu Partys und Konzerten ging. Bald gehörte Waller mit zur Konkurrenz, wenn sein Lehrer Johnson zusammen mit Willie „The Lion“ Smith oder Joe Turner im Stride-Piano-Wettbewerb die Nächte von Harlem zum Tag machte.

Der trickreiche Stride-Stil entstand aus der improvisierten Umsetzung des Ragtime. Seinen Namen (to stride = schreiten) hat er von der Bewegung der linken Pianistenhand, die zwischen Basston (1. und 3. Viertel) und Akkord (2. und 4. Viertel) ständig wechselt. Bei Fats Waller sollte das Stride-Piano jedoch eine Brillanz und Virtuosität entwickeln, die weit über diesen Klavierstil hinausweist. Immer häufiger ersetzte Waller die einzelne Bassnote durch Akkorde, gab der linken Hand einen geradezu orchestralen Reichtum, wusste in der rechten mit dynamischen Abstufungen und Gegensätzen kunstvoll zu hantieren, wechselte gar von Chorus zu Chorus die Spielart. Seine Soloaufnahmen von 1929, darunter „Handful Of Keys“, „Numb Fumblin’“ und „Smashing Thirds“, gehören zu den Höhepunkten des Stride-Stils. Mit solchen Meisterwerken hat er Generationen von Jazzpianisten geprägt, nicht nur Count Basie, Art Tatum und Dave Brubeck. Der Pianist Johnny Guarnieri erinnert sich: „Nachdem ich zum ersten Mal Fats Waller gehört hatte, war ich nicht mehr zu halten. Ich musste einfach genauso spielen. Ich konnte an nichts anderes mehr denken und ich konnte nichts anderes mehr hören.“ Für die Pianistin Mary Lou Williams war Waller schlicht „der Größte der Großen“.

Mit 18 Jahren bespielte er erstmals Klavierwalzen, mit 19 hatte er sein Plattendebüt für die Firma Okeh und seinen ersten Radio-Auftritt. Clarence Williams verlegte seine frühen Stücke wie „Squeeze Me“, Fletcher Henderson nahm sie in sein Orchester-Repertoire auf. Zusammen mit dem Textdichter Andy Razaf begann Waller erfolgreich Songs zu schreiben, die den Vergleich mit Irving Berlins oder Cole Porters Werken nicht scheuen müssen. Der Erfolg kam 1929 mit den Bühnenshows „Load Of Coal“ und „Hot Chocolates“, aus denen Wallers größte Hits stammen: „Honeysuckle Rose“ und „Ain’t Misbehavin’“. Beide Stücke komponierte er in Minutenschnelle unter größtem Zeitdruck zu den bereits vorhandenen Songtexten von Razaf. Das sexuell anspielungsreiche „Honeysuckle Rose“ wurde zu einem der bekanntesten Standards der Jazz-Geschichte; seine Ad-hoc-Harmonien inspirierten zudem Hunderte anderer Jazzstücke, darunter ein knappes Dutzend Melodien des Bebop-Pioniers Charlie Parker. „Ain’t Misbehavin’“ markierte den New Yorker Durchbruch von Louis Armstrong, der in der Show „Hot Chocolates“ eine Reprise des Stücks vortrug. Die Show war so erfolgreich, dass sie nach wenigen Wochen von Harlem an den Broadway wechselte. Die New Yorker Presse schrieb: „The Negro has arrived.“

Für Fats Waller blieb das ein Euphemismus, denn das Publikum sah ihn lieber als schwarzen Musikclown mit schiefer Melone. Der Erfolg der weißen Songschreiber vom Broadway wurde ihm nicht zuteil. Waller verkaufte seine Kompositionen billig, bot ganze Mappen zuweilen für 10 Dollar an und verramschte sogar die Urheberschaft selbst; auch im Oeuvre von Irving Berlin soll sich ein Waller-Song befinden. Dass er seine Stücke so sehr unter Wert handelte, hatte allerdings auch noch andere Gründe: Fats Waller litt unter ständiger Geldnot und da waren 10 Dollar besser als nichts. Alimente-Forderungen seiner ersten Frau, die er als Teenager kurz nach dem Tod der Mutter geheiratet hatte, verfolgten ihn ein Leben lang und brachten ihn sogar ein halbes Jahr hinter Gitter. Das Geld, das er als ausübender Musiker verdiente (nicht wenig), verprasste er regelmäßig für Alkohol und Fressorgien. Die Flasche Schnaps auf Wallers Klavier war sprichwörtlich. Sein Frühstück bestand aus einem Glas Whisky, vier Finger hoch; er nannte das sein flüssiges Ham & Eggs. Bei Bandproben standen immer zwei Flaschen Gin bereit: eine für ihn, eine für diejenigen, die ein tolles Solo hinlegten; die durften dann mit ihm anstoßen. Der Gitarrist Eddie Condon erzählt, wie er Waller einmal daran erinnern sollte, seine Studio-Verpflichtungen zu erfüllen. Sie trafen sich mehrmals, wobei der Gitarrist jeweils auf freundliche Weise unter den Tisch gesoffen wurde. Als Condon später einmal eine Bluttransfusion erhielt und ihm schwindlig dabei wurde, rief er: „Das muss Fats Wallers Blut sein!“

Die Anekdoten über Fats Wallers maßlosen Appetit sind ebenso reichhaltig. Sechs Hamburger und 12 Flaschen Bier, das nannte er einen Snack. 15 Hot Dogs konnte er angeblich am Stück essen. Oder vier große Steaks. Oder einen 20-Pfund-Schinken mit einem Fass Senf. Mit dem Tubaspieler Charlie „Fat Man“ Turner und dem Tenorsaxofonisten Gene „Honey Bear“ Sedric veranstaltete er regelmäßig Fress-Wettbewerbe. Einmal soll er auf einer Busfahrt nach Atlantic City 25 Hamburger mit Whisky hinuntergespült haben. Gleich nach der Ankunft am Zielort trieb ihn der Hunger aber ins Restaurant, wo er drei Hähnchen, drei Steaks und eine Menge Beilagen bestellte. Ein anderes Mal war er mit Fletcher Henderson unterwegs, futterte neun Hamburger und bat dann seinen Begleiter, die Rechnung zu übernehmen. Er beglich seine Schulden bei Henderson mit neun Kompositionen, die er spontan an Ort und Stelle niederschrieb, darunter den bekannten „Henderson Stomp“.

Dass er so schnell schrieb, wie er spielen konnte, bestätigen viele Berichte. Sein Manager schlug ihm im Studio einmal vor, an einem Orgelzyklus über London zu arbeiten. Waller entwarf sofort sechs Stücke für eine „London Suite“, schrieb sie nieder und nahm sie auf. Das Ganze dauerte eine Stunde. Mary Lou Williams erzählt, wie Waller einmal während einer Show-Probe das komplette Show-Programm komponierte. „Da saß er also, hing nach allen Seiten über die Ufer des Klavierstuhls und hatte einen Krug Whisky in bequemer Reichweite. Dann komponierte er seine Nummer, während die Mädchen tanzten. Er muss die ganze Show, Texte inbegriffen, komponiert haben, während ich dasaß und Bauklötze staunte. Inzwischen erzählte er wie ein Wasserfall und gab so viele Geschichten und komische Anekdoten zum Besten, dass die Mädchen vor lauter Lachen oft nicht weitertanzen konnten.“ Insgesamt rund 400 Stücke hat Waller geschrieben.

Wie bei vielen Humoristen bohrte auch bei Fats Waller tief im Innern eine große Depression. So gern er die Leute unterhielt, träumte er doch ein Leben lang von „seriöser“ Musik und fühlte sich vom Publikum verkannt. In seinem Nachlass fanden sich etliche ambitionierte Werke, die wohl noch heute unveröffentlicht sind. Zuweilen präsentierte Waller Anspruchsvolleres im Konzert, erntete damit aber nur ungeduldige, aufmunternde Rufe. Sein Saxophonist Gene Sedric erinnert sich: „Dann nahm er einen ordentlichen Schluck Gin oder sonst was und sagte resigniert: ‚Okay, okay, Leute, ich mach ja schon!’“ Und begann wieder am Klavier trickreich zu zaubern, witzige Songs wie „Your Feet’s Too Big“ zu singen, Grimassen zu schneiden und anzügliche Scherze zu machen. „One never know, do one?“, das war sein bekanntester Komikersatz.

Fats Wallers Traum vom Höheren hing mit seiner Orgel-Ausbildung zusammen. Er spielte sein Leben lang nebenher die Pfeifenorgel, machte in den Victor Studios in Camden und in den HMV Studios in London zahlreiche Orgelaufnahmen, hatte sogar ein Instrument in seinem Wohnzimmer stehen. Auf der Orgel spielte er süßliche Spirituals, begleitete Kinovorstellungen und Blues-Sängerinnen und mischte sogar in Jazzcombos und Big Bands mit. Marcel Dupré ließ ihn einmal auf einer der großen Pariser Kirchenorgeln spielen: Davon schwärmte Waller jahrelang. Das Instrument seines Herzens sei die Orgel, das seines Magens das Klavier, schrieb ein Kritiker. Es war Waller, von dem Count Basie das Orgelspiel lernte: „Ich saß am Fußboden, beobachtete seine Füße und imitierte sie mit meinen Händen. Dann saß ich neben ihm und er brachte mir’s bei. Eines Nachmittags tat er, als ob er im Untergeschoss wichtige Geschäfte zu erledigen hätte, und bat mich, auf ihn zu warten. Ich begann zu spielen, während er unten stand und zuhörte. Von da an kam ich immer zu den Nachmittags-Vorstellungen und er ließ mich die Begleitung zu den Stummfilmen spielen.“

Ab 1934 arbeitete Waller mit seinem eigenen Sextett: Fats Waller and His Rhythm. Er wirkte in drei Hollywood-Filmen und mehreren Shorties mit und reiste mehrmals nach Europa. 1942 schrieb er den „Jitterbug Waltz“, den ersten erfolgreichen Jazz-Walzer. Das Stück, das auf raffinierte Weise die Synkopierung des Boogie mit dem Dreivierteltakt verbindet, inspiriert noch heute die Jazz-Avantgardisten. Im Folgejahr weilte Waller für den Kinofilm „Stormy Weather“ in Hollywood, als sich seine Gesundheit plötzlich verschlechterte. Viele Jahre der Ess- und Alkoholsucht forderten ihren Preis. Waller wollte schnell nach Hause an die Ostküste, doch weil er an Flugangst litt, nahm er den Zug. Beim Zwischenhalt in Kansas City erlag er einer Lungenentzündung. One never know, do one?

© 2004, 2012 Hans-Jürgen Schaal


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