NEWS





Zurück

Immer mehr wird der Jazz, die klassische Musik des letzten Jahrhunderts, von Konvention und Konservatismus dominiert. Viele junge Jazzmusiker scheinen keine größere Herausforderung mehr zu kennen, als ihren Helden nachzueifern, die Tricks ihrer musikalischen Großväter zu erlernen und den Legenden der Jazzgeschichte auf Schritt und Tritt künstlerischen Tribut zu zollen. Der Mainstream-Jazz der amerikanischen Supper Clubs klingt, als wäre er auf dem Stand von 1958 eingefroren worden. Umso wichtiger sind im Jazz heute die Unbotmäßigen, Unverschulten, Unkonventionellen und Unangepassten. Einer von ihnen ist der Gitarrist Billy Jenkins, Jahrgang 1956, visionärer Künstler und anarchistischer Bilderstürmer, original Wahnsinniger und Gitarren-Genie, der britische Frank Zappa und Punk-Philosoph der englischen Vor- und Kleinstädte. Selbst ein französischer Musikjournalist horcht da auf und besinnt sich aufs Fundamentale: "Ist er eine Re-Inkarnation von Jimi Hendrix? Spielt er Jazz? Gibt es ihn wirklich? JA ist die Antwort auf alle diese Fragen."

Suburban Blues
Aus der skurrilen Welt des Billy Jenkins
(2001)

Von Hans-Jürgen Schaal

Billy Jenkins macht Musik für Freigeister, Zyniker, Clowns, Misanthropen, Sozialkritiker und Dadaisten - oder einfach für Menschen, die sich auch beim Musikhören intelligent amüsieren möchten. In seinen Stücken verewigt er den Mund einer Soft-Jazz-Sängerin ("Sade's Lips"), frischen Eselskot ("Donkey Droppings") oder die Tanzkünste Behinderter ("Spastics Dancing"). Er jongliert mit Stil-Klischees aus Blues, Country & Western, Rock & Roll oder Heavy Metal, lässt sie in Free-Jazz-Ausbrüchen explodieren, parodiert die kommerzielle Routine durch punkig-lärmigen Imperfektionismus. Eine Reihe von Live-Aufnahmen aus den Jahren 1986 bis 1992 veröffentlichte er auf Kassetten-Tapes unter Titeln wie "Uncommerciality" oder "Actual Reality". Die Kritiker des Penguin Guide to Jazz empfehlen dazu: "Nehmen Sie zwei Kassetten-Recorder, Hi-Fi oder Lo-Fi, Stereo, Mono oder Automotivo. Legen Sie beide Kassetten ein und starten Sie sie gleichzeitig. Keine zwei Interpretationen sind jemals identisch. Keine Ihrer Synapsen bleibt unverzwirbelt. Entweder handelt es sich hier um einen milden Einschlag von Genialität oder um einen Fehlsubventions-Wahnsinn von Seiten des Arts Council. Wir sind zu keinem Urteil gekommen, Euer Ehren."

Seit 20 Jahren bewegt sich der Workaholic Billy Jenkins in diesem Niemandsland zwischen Genie und Wahnsinn. 1981 gründete er seine Band "The Voice of God Collective", die mal vier und mal zwanzig Mitglieder hat. Mit Platten wie "Sounds Like Bromley" (1982) und "Still... Sounds Like Bromley" (1995) porträtierte er die südenglische Kleinstadt als Zustand existenzieller Geworfenheit: gepflegte Rasen, verrottende Theater, unwirtliche Straßen, lauernde Nachbarn. Mit "Motorway At Night" (1988) parodierte er das New-Age-Label Windham Hill, mit der Plattenhülle von "Scratches Of Spain" (1987, siehe Besprechung in image hifi 16) Miles Davis' Jazz-Klassiker "Sketches Of Spain" - das Cover der Nice-Price-Edition, versteht sich. Seine Live-Projekte inszeniert Jenkins abwechselnd als Chorproben, Fussballtrainings-Einheiten oder Sommer-Modeschauen. Besonderen Anklang fanden seine musikalischen Duelle im Boxring, genannt "Big Fights": Zwei Kontrahenten treten in freier Improvisation gegeneinander an - natürlich über 12 Runden à drei Minuten. Über den Ausgang des Kampfs zwischen Gitarre und Schlagzeug entscheidet ein Referee.

Seit 1994 hat der unbequeme Spaßvogel Billy Jenkins acht CDs bei der englischen Firma Babel veröffentlicht, daneben existieren mehr als 20 Veröffentlichungen auf dem eigenen Label VOTP. Die frühesten bekannten Aufnahmen von ihm sind Klavier-Improvisationen ("Piano Sketches"), die er im Alter zwischen 17 und 28 Jahren eher beiläufig festhielt. Diese quasi amateurhafte, kunstlos-unbemühte Haltung ist auf der Platte "In The Nude" zum künstlerischen Prinzip geworden: Jenkins hat diesen Stil "Spazz" getauft. Als säße er unbelauscht auf dem heimischen Wohnzimmersofa, improvisiert er hier allein auf der nackten, akustischen Gitarre über 16 markante Themen - von Ellington, Gershwin und Porter bis hin zu Monk, Stevie Wonder und (natürlich) Jenkins. Er summt oder trällert an Kernstellen mit, wirft Bossa-Rhythmen, Blues-Licks oder heftige Akkorde dazwischen, startet zu wilden Jazzläufen durch oder bricht seine Ideen unvermittelt ab. Die mutwillig-punkigen Gitarren-Miniaturen stellen mit Witz unsere Produktions- und Hörkonventionen in Frage, sind aber hoch virtuos gespielt und mit Wärme und bei wechselnder Akustik professionell im Studio aufgenommen. Jenkins' Wahnsinn hat Methode. Meine knacksende, abgenudelte Vinylscheibe von 1987 verrät, dass auch solche verqueren Schönheiten durchaus süchtig machen können.

Auf "Entertainment USA" hat Jenkins' musikalische Satire ein konkretes Ziel vor Augen: die amerikanische Unterhaltungs-Industrie. In acht klingenden Porträts "würdigt" der Brite namhafte Kultur-Ikonen wie Doris Day und Elvis Presley, wobei er boshafterweise auch den Alzheimer-geplagten Ex-Präsidenten Ronald Reagan oder den satanistischen Massenmörder Charles Manson zu Highlights des amerikanischen Entertainments erklärt. Die Basis der Musik besitzt abgründig-fröhlich-ländlichen Charakter zwischen Country, Bluegrass und sanftem Jazz-Soul: So idyllisch, will uns der Künstler weismachen, erscheinen die grünen Weiten Amerikas aus dem Blickwinkel englischer Industrieballungen. Jenkins' unberechenbar launische Stratocaster zwischen Blues und Avantgarde und das fein modellierende Altsaxofon von Martin Speake unternehmen profunde Jazz-Exkursionen, während Steve Watts (am voluminös aufgenommenen akustischen Bass) und Roy Dodds (meist nur an Snare und Brushes) für luftige Western-Grooves sorgen. Ergänzt wird das hier vierköpfige Voice Of God Collective durch einige Ex-Mitglieder der ehemaligen britischen Anarcho-Big-Band Loose Tubes, darunter Django Bates (Keyboards) und Mark Lockheart (Tenorsax). Jenkins' Anspielungen auf die porträtierten Kulturheroen sind zum Teil übrigens so simpel wie genial: Im Stück "Johnny Cash" wird die Musik einfach nur von Reibeisen-Tönen einer wortlosen Stimme begleitet, in "Elvis Presley" duettieren Gitarre und Altsax zum lauten Knistern einer alten Single. Humorvolle Ohrwürmer für Fortgeschrittene in einem schlau ausgetüftelten, unkonventionellen Klangbild.

Im Jahr 1994 entdeckte Jenkins die Fun Horns, das eigenwillige Bläserquartett aus (Ost-)Berlin. Die vier virtuosen Freigeister - Volker Schlott (Alt- und Sopransax), Thomas Klemm (Tenorsax und Flöte), Jörg Huke (Posaune) und Rainer Brennecke (Trompete) - hatten zu dieser Zeit noch kaum den Kulturschock des Mauerfalls überwunden, der sie von einem Tag zum anderen des staatlichen Schutzkäfigs beraubte und in die kapitalistische Wildbahn warf. Auf der Suche nach neuen Orientierungen und Arbeitsfeldern verschlug es die vier Jazz-Bläser auch eine Weile nach England, wo sie prompt dem "Gitarren-Terroristen" Jenkins über den Weg liefen. Zum gemeinsamen Auftritt beim Glasgow Mayfest steuerten die Fun Horns knackige Riffs und entfesselte Jazz-Soli bei, außerdem ein paar stillere Intermezzi irgendwo zwischen Blaskapelle und Kammermusik. Für die provokant-pfeffrige Würze sorgten dagegen Billy Jenkins' elektrische Gitarre, diesmal begleitet von Huw Warren (Keyboards), Steve Watts (Bass) und Martin France (Drums), und einige Jenkins-"Klassiker" wie "Arrival Of The Tourists", "Fat People" und "Heavy Metal". Da ein CD-Mitschnitt in Glasgow nicht geplant war, musste man für das Album "Mayfest '94" auf den Live-Mix der mitgelaufenen DAT zurückgreifen: Das Klavier geht etwas unter, den Bläsern fehlt Präsenz, dem Gesamtklang die Räumlichkeit, aber die geballte Energie einer Sternstunde entschädigt für so manches. Jenkins wendete das Sound-Erlebnis positiv: "Sie können sich unten rein ins Mischpult kuscheln für eine dicht mikrofonierte, voyeuristische, von oben nach unten und von innen nach außen gekehrte Hör-Erfahrung." Ist doch auch was.

Nur zwei Tage nach dem phänomenalen Konzert in Glasgow (die Zeitung The Scotsman erkor den Mitschnitt zur CD des Jahres) begannen Billy Jenkins und die Fun Horns, an einem gemeinsamen Studio-Album zu arbeiten, das gezielt die deutsche Ost-West-Erfahrung thematisiert. Das verraten nicht nur die Stücktitel auf "East/West" wie "And The Wall Came Down", "Trabants Into The Sunset" oder "Club Re-Unification", sondern auch die witzigen Einsprengsel deutscher Sprache und Musik. Jenkins' Konfrontation mit den Wortbildungsstrategien im Deutschen findet ihren dadaistischen Gipfel allerdings im Booklet der CD: Dort liest man so schöne Ungetüme wie "Kindergarten Transport Verantwortlicher", "Videokassettengerätmaschinist" oder "Lebenskoordinatorin". Irgendwie schafft es Jenkins auch, einige US-Evergreens, die er übrigens selbst singt oder eher nuschelt, mit überzeugender Ironie in die Thematik seines Ost-West-Konzepts einzubauen: "Close To You", "Wandrin' Star" und "What A Wonderful World". Dass sich diese Stücke etwas anders entwickeln, als man sie kennt, sollte nicht überraschen: Da wächst manche sanfte Stimmung spielerisch ins Albtraumhafte. Dennoch besitzt das Album seine poetische, ernsthafte Seite, die es nicht zuletzt den zuweilen romantisch vergrübelten Berliner Bläsern verdankt. Für ernst gemeinte politische Statements ist Jenkins aber definitiv zu hip. Seiner Ost-West-Weisheit höchster Schluss lautet: "Osten und Westen / Tragen jetzt die gleichen Westen."

Die Fun Horns gehören seitdem zum Stammpersonal bei Billy Jenkins und waren auch auf der wundersamen "True Love Collection" wieder beteiligt. Da ging es um Love Songs aus der unbeschwerten Flower-Power-Ära und vor allem um Jenkins' eigene seltsame Liebe zu diesen Bubblegum-Melodien. Mit scheinbarer Harmlosigkeit nähert sich der Gitarrist Ohrwürmern von Donovan ("Mellow Yellow), Bobby Hebb ("Sunny"), Simon & Garfunkel ("Feelin' Groovy") oder den Bee Gees ("How Deep Is Your Love"), brummelt die Strophen ins Mikro und lässt die Refrains von der großartigen Stimme der britischen Jazz-Vokalistin Christine Tobins feiern. Doch wenn die Band den "Geist" jedes Stücks in einem instrumentalen Vorspiel heraufbeschwört ("Invocation"), die Melodien in jazzige Saxofonsoli und billig quietschende Keyboard-Farben kleidet und Jenkins die Saiten zwischen Free Funk und Country Blues jaulen lässt, schleicht sich unversehens absurder Tiefsinn durch die Hintertür ins Spiel. Das Magazin Jazz thing beschrieb die grell-sanfte Schlagseite dieser eigenwilligen Pop-Hommage als "Fake-Jazz, voll gepackt mit stilistischen Brüchen, surrealer Virtuosität und abgründigem Witz. Da entwickelt sich nichts so, wie man es erwartet, aber dennoch dürfen alle Beteiligten zeigen, was in ihnen steckt. Und zum Personal gehören immerhin so originelle Könner wie Iain Ballamy, Django Bates und die Fun Horns aus Berlin. Billy Jenkins, dem Enfant terrible der britischen Insel, ist hier genau die Pop-Verfremdungs-Hommage gelungen, an der so viele Avantgardisten gescheitert sind. Ein Geniestreich." Dem kann der damalige Rezensent auch an dieser Stelle nicht viel hinzufügen.

Billy Jenkins' jüngster Beitrag zum Thema "Britische Idylle" trägt den Namen "Suburbia" und entstand 1999. Musik und Titel der acht Stücke entwerfen wieder eindringlich bissige Bilder Londoner Vorstadt-Mentalität, deren zentrale Tugenden offenbar das Belauern von Nachbarn, das Beargwöhnen fremder Autos, das Beobachten der Straße und das Bewachen des eigenen Rasens sind. Sofern möglich, hat Jenkins diesmal das Klangfarben- und Ausdrucksspektrum seiner musikalischen Fantasie vom Eklektischen ins Universelle gesteigert, frei nach dem Motto: Theremin trifft Waschmaschine. Hier reihen sie sich dank fortgeschrittener Studiotechnik traulich aneinander: der desperate Blues der Suburbs, das heftige Free-Jazz-Fresko der Nachbarschafts-Phobie, die Smooth-Jazz-Idylle der heilen Rasen-Welt, das kammermusikalische Echo mythischer Verschwörungs-Theorien, der Heavy-Metal-Ausbruch zielloser Wut, die Streichquartett-Nachtskizze ausgestorbener Vorstadtstraßen... Suburbia, der Ort, wo man wohl herkommen mag, aber nie freiwillig hingehen möchte, der Ort, den man hinter sich lassen muss und doch nie loswird: Auf Billy Jenkins' Album wird daraus ein groteskes Sound-Panoptikum der Condition humaine. Hier vollzieht sich die Geburt der praktischen Musikphilosophie aus dem Geiste der Suburbs.

"Eine Art Genie lebt vor unserer Haustür, lasst es nicht in Armut sterben." (Q Magazine über Billy Jenkins, 1987)

© 2001, 2004 Hans-Jürgen Schaal


Bild

16.11.2017
Noch mehr Klassik: Musik von ZHOU LONG und CHEN YI (Fidelity 34)

04.11.2017
Thema Klassik: Der Komponist CHARLES KOECHLIN und ein Album des WORLD SAXOPHONE ORCHESTRA (beide: Clarino 11/17)

03.11.2017
Weitere Texte zum Thema Jazz: der Kornettist NICK LaROCCA (Fidelity 34), das Quintett ODDJOB (Clarino 11/17), RED NORVOs "Savoy Sessions" (Fidelity 34), ELLA FITZGERALD (Jazzthetik) und ein Albumdoppel mit DAVE BRUBECK und KÜHLICH/GENC (Fidelity 34)

02.11.2017
Jetzt in Image Hifi 138: Pianisten im Jazzjahr 1997 mit BRAD MEHLDAU, URI CAINE und ESBJÖRN SVENSSON und Indo-Jazz im 21. Jhd. mit RUDRESH MAHANTHAPPA, ROGER HANSCHEL und JARRY SINGLA

mehr News

© '02-'17 hjs-jazz.de