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Er gilt als der wichtigste Vibrafonist seiner Generation. Doch Christopher Dell ist noch mehr: ein Futurologe des Jazz, Vordenker einer Welt, in der neue Architektur und improvisierte Musik zusammenspielen. Augenblicklich schreibt er an einem Buch über interdisziplinäre Improvisations-Technologie, was immer das sein mag. Einen wohlklingenden Vorgeschmack gibt jedenfalls seine CD "Future Of The Smallest Form".

Christopher Dell
Kant in Echtzeit
(2001)

Von Hans-Jürgen Schaal

Melodische Perkussion? Rhythmusklavier? Klöppelsax? Das Vibrafon ist ein eigenwilliges Instrument. Bei manchem seiner Vertreter - dem frühen Bobby Hutcherson, dem kühlen Teddy Charles, dem kammermusikalischen Red Norvo - nimmt es einen seltsam abstrakten Charakter an, als projektiere es ständig neue Trassen durch zersiedeltes Areal. Es macht die harmonischen Korridore weit, nicht eng. Sein metallischer Klang erinnert an Konstruktionen aus Stahl und Glas. Zwei Hände drängen zu kontrapunktisch-komplexer Verflechtung. Strukturen für Freigeister.

Bei Christopher Dell scheint das Vibrafon ganz zu sich selbst zu finden. Wenn der 36-jährige Wahl-Kölner durch seine polyphonen Wandelhallen jumpt, ist es, so sagte Lee Konitz einmal, "wie wenn Schönberg swingt". Da materialisieren sich Gewölbe und Fassaden und werden zu Lebensräumen. "Genau, ich habe diesen Bezug zur Architektur", sagt Dell. "Einerseits extreme Körperlichkeit, andererseits die Raumgestaltung." Und Dell predigt auch gerne, was er praktiziert: in Vorträgen auf architektonischen Symposien, bei Forschungsprojekten zur Gestaltung öffentlicher Räume. "Sprache eröffnet der Musik den Weg zum Publikum. Jazzmusiker kommunizieren ihre Geheimnisse zu wenig." Also schreibt er schlaue Aufsätze mit Titeln wie "Telematische Klangstruktur" oder "Soziale Praxis und Improvisation", macht Klang-Montagen aus Elektronik, Interviews und urbanem Geräusch. Drei seiner CDs sind im Verlag Walther König erschienen: Das ist kein Klein-Label, sondern ein Trendsetter der deutschen Kunstszene. Dells interdisziplinäres Agieren lässt kaum noch Lücken im Terminkalender.

Lionel Hampton kam vom Schlagzeug zum Vibrafon, Milt Jackson vom Klavier, Christopher Dell nahm beide Wege. Er verbrachte seine ersten Lebensjahre in Indien ("da hat man immer getrommelt"), danach lernte er klassisches Klavier, mit elf Jahren kam er zum Schlagzeug. "Musik war für mich immer ein Selbermachen. Als Kind entwickelte ich ein eigenes Notenmodell, um mir meine Improvisationen zu merken. Ich war immer eine Art Freigeist. Dann entdeckte ich den Jazz und war fasziniert von seiner subversiven Kraft, seiner Geheimexistenz am Rande der Gesellschaft." Die Ausbildung zum klassischen Schlagwerker erfüllte dieses Freiheitsbedürfnis nicht: Dell empfand die Orchesterarbeit rasch als "kindisches Befolgen einer autoritären Struktur" - eine ihm fremde, undemokratische Mentalität. Das Gegenmodell heißt Improvisation: "Improvisation ist gelungene Demokratie. Improvisation ist die Kritik der Urteilskraft in Realtime, kein postmodernes Beliebiges. Wegen solcher antizipatorischen Qualität ist Uwe Bein bei der Eintracht gescheitert." Jazz ist Architektur ist Philosophie ist Fußball: So funktioniert die Gedankenwelt von Christopher Dell.

Das Komplexe kreativ herstellen: Dafür war ihm das Klavier zu gewöhnlich und zu wenig körperlich-perkussiv. "Ich bin kein verkopfter Arsch", betont Dell. "Wenn ich spiele, da fließen Blut, Schweiß und Tränen." Er entschied sich daher für das Vibrafon und träumte schon mit 16 von einem Studium bei Gary Burton in Berklee. Mit 23 bekam er das Stipendium und zog nach Boston. "Seamus Blake sagte mal: Berklee Ende der 80er-Jahre war wie die 52nd Street in den 40ern. Unter meinen Kommilitonen waren Seamus, Mark Turner, Kurt Rosenwinkel, Chris Cheek, Roy Hargrove, Geoff Keezer... Wir haben die ganze Zeit gejammt. Eine einzige große Praxisübung." Dells Idol Gary Burton jedoch blieb erst mal unerreichbar: Chef-Etage. Doch eines Tages kam er auf den deutschen Studenten zu und bot ihm Einzelunterricht an - einmal im Monat. "Er gab mir jedes Mal fünf Stücke zum Einüben, aber es ging nicht um technische Geschichten, sondern um ästhetische Gestaltung, um motivische, werkspezifische Arbeit. Darum, den Zuhörer mitzunehmen, Fenster aufzumachen zu möglichen Räumen. Burtons Stärke ist die spielerische Note, die Unschärfe: Sachen zu zaubern, die man gar nicht hört." Dell verließ Berklee 1990 Magna Cum Laude. Burtons persönliche Empfehlung folgte 1992 in der Form von Liner Notes für Dells Debüt "Where We Belong".

Auf der neuesten CD liefert Dell im Trio D.R.A. - mit Christian Ramond (Bass) und Felix Astor (Drums) - das vorläufige Kondensat seiner Sound-Architektur. "Future Of The Smallest Form" (Jazz4Ever/Zomba), das sind 15 Etüden in kreativem Klangstruktur-Denken, swingende Miniaturen komprimierter Jazz-Erfahrung. "Mir geht es darum", sagt Dell, "die Komplexität eines Zappa, Varese oder Stockhausen zum Swingen zu bringen, ins Spielerische zu öffnen. Thematisches Material aus den 50er- und 60er-Jahren kommt dabei als Folie vor. Es ist unser demütiger Versuch, in der Monkschen Tradition zu arbeiten." Vor dem Interview hatte der Interdisziplinäre die Fünf Höfe besichtigt, eine neue Einkaufspassage in München. "Fünf Höfe ist wie D.R.A.", versucht er dem perplexen Interviewer klarzumachen. Und auch, dass der Jazz und die Architektur zusammengehören: eine Art Team-Design. "Wenn es nicht neue Orte für den Jazz gibt, architektonische Räume für die Improvisation, dann ist die Improvisation nicht mehr vermittelbar." In diesem Sinne: Leute, macht Raum!

© 2001, 2004 Hans-Jürgen Schaal


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