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Bud Powell (1924-1966) sagte dem größten Saxophonisten seiner Zeit den Kampf an, schuf dem Jazzklavier eine glänzende Zukunft, prägte Generationen von Jazz-Pianisten - und war doch nicht von dieser Welt. Er galt sogar als geisteskrank.

Genie hinter Glas
Über Bud Powell, den Begründer des modernen Jazzklaviers
(1998)

Von Hans-Jürgen Schaal

Als Kind spielte er Bach, Chopin, Debussy. Die klassische Gestik blieb sein Leben lang hörbar, wenn auch zuweilen traumatisch verfremdet, und sie schlug sich unvermittelt am Ende wieder Bahn ("Bud On Bach", "In The Mood For A Classic"). Mit 10 Jahren schon imitierte Bud Powell nahezu perfekt Art Tatum, den Genius des Swing-Pianos und sein größtes Vorbild: Diese Leistung vermerkte Buds Vater, selbst ein guter Stride-Pianist, mit besonderem Stolz. Im Alter, so stellte ein Biograph fest, sah Bud Powell dem Vorbild Tatum sogar ähnlich: die Leibesfülle, der Seehundbart. Aber was heißt hier Alter? Der Erfinder des modernen Jazzklaviers war müde, verbraucht und krank, aber er war nie alt. Er starb mit 41 Jahren.

Mit 15 verließ Bud Powell die Schule, arbeitete als professioneller Pianist und geriet in den Sog der Bebop-Szene um Charlie Parker und Dizzy Gillespie, die in "Minton's Playhouse" in New York an der Erfindung des modernen Jazz bastelten. Der Pianist Thelonious Monk, einer der Pioniere des Bebop, nahm Powell unter seine Fittiche: Monk war ein irritierender, keineswegs schulmäßiger Klavierspieler und ein genialer Stückeschreiber. Der sieben Jahre jüngere Powell besaß dagegen eine ausgereifte Technik, improvisierte mit blühender Melodik und war der erste Pianist, der sich traute, Monks Kompositionen nachzuspielen. Ein Insider empfand das so: "Monk schrieb für Bud wie ein Komponist für einen Sänger" (Kenny Clarke).

1947 machte Bud Powell seine ersten Aufnahmen als Bandleader und sorgte sofort für Furore. Die rechte Hand: mutwillige, melodisch gerundete, aber lichtschnelle Läufe, die an Bebop-Saxophonisten erinnerten. Die linke: sparsame, unregelmäßige, oft dissonante Akkordakzente. Der "Charlie Parker des Klaviers" hatte ab 1949 parallele Plattenverträge mit Blue Note und Verve in der Tasche, später mit Blue Note und RCA. Virtuose Linien und reduzierte Struktur, aggressiver Anschlag und moderne Harmonik, Bebop-Intervalle und swingende Eleganz: Bud Powells Spiel stellte die Tradition des Jazzpianos auf den Kopf und legte - so Herbie Hancock - "das Fundament für das ganze Gebäude des modernen Jazzklavierspiels". Barry Harris, heute einer der letzten lebenden Veteranen des Bebop-Klaviers, lernte den Stil einst am Plattenspieler: Er legte Powells Aufnahmen auf, stellte den Plattenteller langsamer und versuchte nachzuspielen, was er hörte.

Das Konzept des Klavier-Virtuosen Bud Powell und damit des gesamten Jazz-Pianospiels seit den 50er Jahren ist im Grunde anti-pianistisch: linear, nicht orchestral. Es übersetzt Saxophonsprache aufs Tasteninstrument, und der Wettkampf mit Charlie Parker, dem großen Altsaxophonisten und Helden des Bebop, war Bud Powells größter Stachel. "Ain't no horn player in the world who can outplay a piano player", tönte Bud Powell: Kein Bläser der Welt könne einen Pianisten schlagen. Auf Jam Sessions mit Charlie Parker parierte er mit Bravour und schlug dabei noch einige melodische Haken und harmonische Purzelbäume mehr. Kollegen diskutierten die Frage, wer von den beiden denn nun der Größte sei. Kein Wunder, daß Parker dem Pianisten bald aus dem Weg ging.

So gründlich, wie Bud Powell die Sprache des Jazzklaviers veränderte, so unnachahmbar schien sein Beispiel. Die Schönheit seiner Musik hatte etwas Dämonisches, seine Virtuosität war beängstigend, sein Tempo wirkte hypernervös. Als man von Powells mentalen Problemen erfuhr, paßten sie nur zu gut in dieses Bild. Von Nervenzusammenbrüchen und Alkoholexzessen war die Rede. Entziehungskuren, längere Klinikaufenthalte, sogar Elektroschock-Therapien unterbrachen immer öfter seine Karriere. Man munkelte von Drogen- und Tablettenmißbrauch, epileptischen Anfällen, Schizophrenie. Mit 30 Jahren war Bud Powell ein kranker Mann, seine Klavierkunst hatte ihren Höhepunkt bereits überschritten.

In der Tat waren Bud Powells psychische Probleme kaum zu übersehen. Mit seinen tief hängenden Augenlidern und dem leeren Blick wirkte er die meiste Zeit wie geistesabwesend oder narkotisiert. Er war still, in sich gekehrt, nahm an der Welt wenig Anteil, wußte nichts von politischen Ereignissen und den Nachrichten vom Tage. Außerhalb der Musik war er wie ein Kind und brauchte Fürsorge: Die gab ihm lange Zeit die Mutter. Zuweilen richtete ihm ein Mitmusiker den Schlips oder zog ihm das Jackett gerade: Bud Powell nahm solche Dinge nicht wirklich wahr. Zuweilen benahm er sich seltsam oder verschwand tagelang von der Bildfläche, und in den Zeitungen standen dann Schlagzeilen wie "Bud Powell, Jazz Great, Missing for Third Day". Er vertrug keinen Tropfen Alkohol, aber stürzte die Whiskys hinunter wie Wasser. Das alles war vergessen, sobald er sich an ein Klavier setzte.

Enge Freunde, denen er sich anvertrauen konnte, hatte er unter Mitmusikern kaum. Also sprach er über sich und seine Krankheit durch die Musik selbst - am bewegendsten in dem Stück "Glass Enclosure". Der Titel verrät, wie er sich selbst empfand: eingeschlossen in einen gläsernen Käfig mit Sicht- und Hörkontakt nach draußen - und doch allein, unerreichbar, ein Fremdling in dieser Welt. Das Stück ist eine Miniatur-Sinfonie in zweieinhalb Minuten, ständig wechseln Tempo und Ausdruck, Klassizistisches und Swingendes geraten durcheinander. Ein Stück, das kaum in die Jazz-Begriffe von 1953 paßte. Noch mehr merkwürdige Kompositionen gibt es, etwa "Un Poco Loco", fanfarenartig, afrokubanisch, exotisch, hermetisch, unnahbar. Und noch mehr Stücktitel, die von der persönlichen Tragödie erzählen: "Hallucinations", "Oblivion".

Zu seinen Lebzeiten wurden Bud Powells Probleme als mentale Erkrankung, nicht als neurologischer Defekt betrachtet. Dabei wußte man von einer frühen Auseinandersetzung mit der Polizei, von Alkohol war da die Rede, von einem Gefängnisaufenthalt. Offenbar geriet er mit 20 Jahren an einige Polizisten, die sich - wohl aus rassistischen Motiven - provoziert fühlten, losschlugen und ihn am Kopf verletzten. Bud Powell trug ein Schädel-Hirn-Trauma davon, grundlegende Vernetzungen in seinem Gehirn waren zerstört. Die Elektroschock-Therapie konnte da nicht helfen, aber großen weiteren Schaden anrichten. Der Tod seines Bruders Richie, eines ebenfalls hochbegabten Jazz-Pianisten, der 1956 bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam, warf Bud Powell zudem in eine tiefe Verstörung.

Danach schien die mentale Zerrüttung auf seine Musik überzugreifen. Bud Powell hatte noch immer geniale Auftritte, aber zunehmend auch Aussetzer: Dann wußte er mit den Tasten nichts mehr anzufangen, die Improvisation geriet ins Stocken, verlor sich im Nirgendwo. Rund 50 Kompositionen hat Powell hinterlassen, doch die großen Bebop-Themen wie "Wail", "Dance Of The Infidels", "Bouncing With Bud" oder "Celia" stammen aus seiner Frühzeit. In den letzten Jahren war es beinahe, als träten andere Schichten seines Bewußtseins in die Musik. Da gibt es immer öfter einfache Swing-Riffs, Folkloristisches, minimale Abläufe, schlagerartige Melodik, Barmusik.

1959 ging er nach Paris wie so mancher schwarze Jazzmusiker vor ihm und nach ihm. Bei den meisten war es Flucht vor dem amerikanischen Rassismus und der Mißachtung des Jazz: In Paris durften schwarze Jazzmusiker mit Verehrung und Respekt rechnen. Für viele gab es noch ein drittes Motiv: den Fängen der Alkohol- und Drogenszene zu entkommen. Auch Bud Powell lebte in Paris merklich auf. Er fand einen französischen Jazzfan, der ihn aufopferungsvoll betreute, und widmete ihm das Stück "Una Noche Con Francis", eine dieser eingängigen, lateinamerikanisch geprägten Melodien der letzten Jahre. Paris schien das Naiv-Sentimentale zu nähren: Powells Kompositionen bekamen einen populären Ton, mal hispanisch gefärbt, mal klassizistisch. Vielleicht einfach kindlich.

Seine Zeit in Paris inspirierte 20 Jahre nach seinem Tod den Film "Round Midnight": die Geschichte eines schwierigen, kranken Künstlers in einer fremden Stadt. Dexter Gordon, der Jazz-Saxophonist, der selbst einige Jahre in Paris lebte, spielte die Rolle mit unvergeßlicher Eindringlichkeit. Eine schwere Tuberkulose beendete Powells Aufenthalt in Paris, er kehrte nach New York zurück, nun korpulent wie Art Tatum, und feierte im "Birdland" 1964 ein großes Comeback. Dort wartete allerdings auch wieder der Alkohol. Tatum, sein großes Vorbild, starb 1956, Bud Powell 1966. Für die Jazzhistoriker sind sie Antagonisten - die zwei großen Kraftpole in der Stilgeschichte des Jazz-Klaviers.

© 1998, 2003 Hans-Jürgen Schaal


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