2. "In den Jazzclubs gab es nicht viel Farbe"
HERMAN LEONARD UND DIE ÄSTHETIK DES ZWIELICHTS
(1997)
Von Hans-Jürgen Schaal
Alles begann mit einem Mißgeschick - ausgerechnet in dem Augenblick, als Herman Leonard zum ersten Mal einen Jazzmusiker aus der Nähe fotografieren wollte. Dabei war er bestens vorbereitet, hatte sorgfältig seine zwei Lampen installiert, eine vorn für das Gesicht, eine hinten, um den Schatten zu vermeiden. Leonard drückte auf den Auslöser - doch die vordere Lampe ging nicht los; der Musiker war nur von hinten angestrahlt. Wahrscheinlich konnte Leonard den Fehler beheben und seine Fotosession doch noch zu Ende bringen. Aber nachdem der Film entwickelt war, war ihm nur noch dieses eine Foto wichtig, das danebenging: "Es war ein Bild, wie ich es nie geplant hatte. Es gefiel mir, und daher versuchte ich von da an, den Effekt zu wiederholen. Es dauerte eine Weile, bis ich ihn zuverlässig beherrschte, aber dann wurde das fast so etwas wie mein Markenzeichen."
Leonards Menschen im Zwielicht: von hinten, von oben oder von der Seite beleuchtet. Geheimnisvolle, dämmerige Jazz-Szenen aus Licht und Schatten, charismatische Gestalten in einem Gemisch von Lichtfetzen und Rauchschwaden, manchmal nur Silhouetten vor einem mit düsterer Spannung geladenen Raum. Hier sind nicht Musiker und ihre Instrumente porträtiert, hier ist die ganze Atmosphäre der Jazzbühnen eingefangen: Man glaubt, die Luft dieser Clubs zu atmen, dieses von Rauch, Alkohol und Jazz vibrierende, spezielle Fluidum swingender Nächte. Man glaubt, mit dabei zu sein. "Was ich in meinen Bildern einzufangen versuche, das ist eine Ahnung von der Emotionalität der Musik. Wenn ich das Licht arrangiere, schaffe ich Dimension und Tiefe."
Natürlich erklärt das Mißgeschick mit dem kaputten Blitzlicht nicht alles. Schon auf der Schule hat Leonard leidenschaftlich fotografiert und sich mit Porträts von Mitschülern ein erstes Renommee erworben. 1940 begann er an der Universität in Athens, Ohio, Fotografie zu studieren und schloß sein Studium sieben Jahre später erfolgreich ab - unterbrochen von vier Jahren Krieg, aus dem er erst 1946 wieder zurückkam: einer von vielen versprengten Soldaten im Pazifik-Dschungel. Er assistierte unentgeltlich einem der großen Porträt-Fotografen, Yousuf Karsh, und lernte aktuelle Gesichter zu fotografieren: Politiker wie Harry Truman, Wissenschaftler wie Albert Einstein, Hollywood-Stars wie Clark Gable. Er eröffnete ein Fotostudio in Greenwich Village, dem Zentrum der lebendigen, wild blühenden Künste, porträtierte Sänger, Tänzer, Schauspieler. Und er entdeckte den Jazz.
Jazz-Fotografie war anders: Da bat er die Künstler nicht in sein Studio, sondern besuchte sie an ihrem Arbeitsplatz, dem Bandstand. Er fotografierte sie beim Auftritt, bei Proben oder in Ruhepausen; er sprach dabei nicht zu ihnen, er gab keine Anweisungen, sie posierten nicht. Das einzige, was er arrangierte, war die Beleuchtung, die diese spezielle Atmosphäre schuf. Und noch etwas war anders in der Jazz-Fotografie: Es gab kein Geld. Leonard bot den Clubbesitzern seine Fotos zur Werbung im Schaukasten an und erkaufte sich so den Eintritt. "Die Jazz-Fotografie ist mir sehr wichtig, denn sie ist für mich eine Art privates Tagebuch jener Jahre. Wenn man Models fotografiert, macht man das, um Geld zu verdienen, aber bei meinen Jazz-Fotos ging es nie um Geld - auch wenn mir die Jazz-Magazine hin und wieder für 10 Dollar ein Bild abkauften. Ich habe die Jazz-Fotografie für mich selbst betrieben, zu meinem eigenen Vergnügen, und da ist man subjektiv ganz anders beteiligt. Es war für mich ein sehr wichtiger Lebensabschnitt, und ich rechne diese Fotos zu meinen bedeutendsten Arbeiten."
Herman Leonard war dem Jazz verfallen - und ist es wohl heute noch. Die Nachtclub-Atmosphäre der genialen, dem Tageslicht entrückten, unwiederbringlichen Jazz-Momente zog ihn magnetisch an. Nachdem er erst einmal den Mut gefaßt hatte, mit der Kamera auch auf die Bühne zu gehen, gab es kein Zurück mehr: "Das Fotografieren war meine Chance, am Geschehen teilzunehmen. Wenn ich im Aufnahmestudio anwesend war, war es, als würde ich zur Entstehung eines Songs beitragen. Ich gehörte sozusagen mit zur Familie." Der Fotograf wurde ein enger Freund der Bebop-Heroen, verteilte freigebig Abzüge seiner Fotos, war auf Jam Sessions mit dabei, plauderte und trank mit Miles und Bird und Diz und mutierte irgendwann selbst zu einer dieser Kreaturen der Nacht.
Seine bekanntesten Fotos entstanden in den Jahren um 1950, als der moderne Jazz, genannt Bebop, noch jung und vital, verwirrend und aufregend war. Billie Holiday, vom Licht blaß geschminkt, mit sparsamer Geste am Mikrofon - wie eine strenge japanische Mimin. Kenny Clarke mit Trommelstock, die Silhouette illuminiert von einem dünnen Streifen aus Licht. Sonny Stitt von der Seite, das Saxophon in Rauchschwaden, die Stirn im Scheinwerferlicht, den Nacken gebeugt. Charlie Parker mit Lennie Tristano im Studio, eine Serie von kühlen, konzentrierten Schattenstudien. In den späten fünfziger Jahren fotografierte Leonard seine Helden in Europa, vor allem in Paris, wo Jazzmusiker Respekt für ihre Kunst erfuhren, gefeierte Gastspiele gaben und mancher von ihnen eine neue Heimat fand. Auch Leonard selbst erlebte diesen Respekt: Nicole Barclay, Produzentin des Pariser Barclay-Labels, kaufte bei ihm 12 Fotoabzüge für 3000 Dollar und machte ihn 1956 zum Chef-Fotografen ihrer Plattenfirma.
Als die Zusammenarbeit mit Barclay vier Jahre später endete, verlagerte Leonard seine Aktivitäten in andere Bereiche. Bereits in New York hatte er für verschiedene Magazine geknipst (Life, Esquire, Cosmopolitan, Playboy), 1956 begleitete er den Schauspieler Marlon Brando als Fotograf auf einer Fernostreise, nun spezialisierte er sich auf Werbung, Mode und Fotoreportagen. Als Europa-Korrespondent des Männermagazins Playboy lieferte Leonard etwa 15 Jahre lang Fotoberichte nach Amerika: über die Mädchen der Riviera, die Prostituierten von Paris, die Frauen hinterm Eisernen Vorhang. 1980 zog er sich auf die Insel Ibiza zurück und bereitete den Ruhestand vor. Doch daraus wurde nichts.
Sein mittlerweile populärstes Foto schoß "der Charlie Parker der Kamera" 1948 im legendären Royal Roost in New York. Es zeigt den jungen Tenorsaxophonisten Dexter Gordon bei einer Zigarettenpause, sitzend mit modischem Hut, das Horn locker am Oberschenkel, gekrönt von einer Aura aus illuminiertem Rauch. Dieses Foto wurde 1985 zur wichtigsten visuellen Inspiration für Bernard Taverniers Jazzfilm "Round Midnight", in dem der damals 62jährige Dexter Gordon die Hauptrolle spielte. Der Regisseur lud den Fotografen des Porträts sogar auf den Set, und Leonard verblüffte ihn mit dem Vorschlag, den Film in Schwarzweiß zu drehen. "In den Jazzclubs früher gab es nicht viel Farbe. Die Leute trugen keine bunte Kleidung, keine bedruckten T-Shirts. Einfach Hose, Hemd, Krawatte: Alle waren ziemlich konservativ angezogen, dazu kam der Zigarettenrauch. Und die Erinnerungen, die ich daran habe, sind meine Schwarzweiß-Fotos. Für mich war das immer eine Ära in Schwarz und Weiß." Tavernier wählte einen schlechten Kompromiß: Er drehte in Farbe, kleidete seine Darsteller aber durchweg dunkel. "Am Ende sah alles sehr traurig aus", sagt Leonard heute. "In den Klubs damals ging es keineswegs traurig zu, aber im Farbfilm wirkt es wie eine Beerdigung."
1985, parallel zum Film "Round Midnight", erschien in Paris ein erster Fotoband mit Leonards historischen Jazz-Bildern ("The Eye of Jazz"). Drei Jahre später trug er seine Fotos zu einem Londoner Galeristen, weil er Geld brauchte, um seine Kinder auf eine englische Schule zu schicken. Schon der Erfolg dieser ersten Ausstellung war überwältigend: Leonards atmosphärische Schwarzweiß-Ästhetik, streng und ein wenig verrucht, traf genau den Nerv der britischen Jazz-Renaissance der 80er Jahre. Seine Jazz-Fotos erhielten Features in Zeitschriften und im Fernsehen, die Smithsonian Institution in Washington übernahm eine Auswahl in ihre Sammlung, es folgten akademische Auszeichnungen und eine Würdigung durch den Jazzfan und Hobby-Saxophonisten Bill Clinton. Leonards Fotos erschienen auf Posters, T-Shirts, Postkarten und sogar Schlafanzügen - zuerst illegal, bald gegen gutes Geld.
Und auch die Schallplatten-Firmen meldeten sich wieder. "Sie baten mich, ihre Musiker zu fotografieren, also packte ich die Kamera wieder aus. CD-Covers sind zum Glück nur ein Teil meiner Arbeit; lieber mache ich Posters, da kommen die Musiker-Fotos besser zur Geltung. Beinahe alle meine Aktivitäten heute haben mit Musik zu tun. Ich habe Wynton Marsalis oft fotografiert und arbeite regelmäßig mit jungen Musikern in New Orleans. Vielleicht wird ja einer von ihnen eines Tages ein neuer Duke Ellington oder Dizzy Gillespie."
© 1997 Hans-Jürgen Schaal
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